abc-Etüden – Sommeretüden – Die Willkür der Stadt

Das Etüdensommerpausenintermezzo II ist ein Schreibimpuls von Christiane auf Irgendwas ist immer.

Die Regeln:

1. 7 von 12 Wörter verwenden

2. Die Geschichte spielt, zumindest zu einem Teil, an einem echten Gewässer. 

3. Die Textlänge ist dieses Mal nicht begrenzt. 

Die Worte: 

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister – Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür


Die Willkür der Stadt

Sie blickte sich nervös um. Wo sonst, wenn nicht direkt hier? Sie stand mitten im alten West-Berlin am Savigny-Platz an einer Ampel an der Kantstraße. Sie zog die Eintrittskarte aus ihrer Handtasche, versah sie mit etwas Klebeband und klebte sie an den Ampelmast, direkt neben einer Werbung für Geigenunterricht, einen Aufruf zu einer Kundgebung einer Initiative zur Dachbegrünung, einem Hertha BSC Aufkleber und einer eher etwas irritierenden Botschaft, die lautete: Gates liebt dich.

Sie prüfte den Halt, aber die Eintrittskarte für ein Oboen-Konzert in der Passionskirche in Berlin Kreuzberg hing sicher und fest. Es durfte nur keinen Regen geben, dachte sie und schaute in den wolkenlosen Himmel.

Im Kopf ging sie noch einmal den Text durch, der auf der Rückseite der Karte stand. Seit Tagen hatte sie diesen Text wieder und wieder überarbeitet und neu verfasst. Vor einer Stunde war der Text dann endlich fertig gewesen. Höchste Zeit, denn das Konzert sollte ja in nur wenigen Stunden stattfinden und irgendjemand sollte bis dahin ja auch noch die Karte gefunden und an sich genommen haben.

Als die Ampel grün wurde, stieß sie eine Art Stoßgebet aus und überquerte die Straße, um sich auf den Heimweg zu machen. Ihr Körper kribbelte bis in die allerletzte Zelle. „Wenn sie einen Weg suchen ihre Lebensgeister zu wecken, dann verabreden sie sich einfach mal mit ihrem Schicksal“, sagte sie leise zu sich selbst und kicherte, um sich selbst zu beruhigen.

Noch bevor sie Zuhause angekommen war, hatte sie sich mal wieder als verrückt erklärt. Wie könnte es anders sein, wo sie doch dabei war, die Begleitung für einen Konzertabend der Willkür dieser Stadt zu überlassen. Ihre spontane Idee kam ihr nun plötzlich wie ein irres Wetterleuchten ihrer Phantasie vor. Nun war es zu spät. Sie würde nicht kneifen. Schlimmstenfalls käme jemand völlig langweiliges oder auch niemand. Dann hätte sie sich mit der Konzertkarte eben ein Eigentor geschossen. Aber allein die Lebenslust, die sie in diesem Moment spürte, war es bereits wert gewesen.

Er konnte die Regeln auf der Konzertkarte bereits auswendig aufsagen und doch las er sie immer und immer wieder. Er stand inzwischen vor der Passionskirche und beobachtete, wie die ersten Gäste hineinströmten. Neben wem von diesen Menschen würde er gleich sitzen? Die schöne, geschwungene Handschrift deutete darauf hin, dass es eine Frau sein könnte, aber eben auch nur sein könnte. In Berlin war ja ohnehin alles möglich. Als er die Karte an der Ampel entdeckt hatte, wollte er zunächst seinen Augen nicht trauen. Er hatte sich angesichts des bevorstehenden Sommerlochs bereits auf einen einsamen Abend auf seinem Balkon eingestellt, da fast all seine Freunde verreist waren. Doch nun stand er hier zu einem blind date.

Er wartete bis kurz vor Konzertbeginn. Er wollte nicht vor der Person auf dem Platz ankommen, um die Person direkt erkennen zu können. Nun näherte er sich der vierten Reihe. Dort war nur noch ein Platz frei. Er schob sich, während er sich fortwährend entschuldigte, an den bereits sitzenden Gästen vorbei und näherte sich einer Frau. In der Karte stand, dass die Person rechts neben ihm sitzen würde und nun konnte er sie sehen. Für einen Moment vergaß er zu atmen. Um ein Haar hätte er ihr die Hand hingehalten, um sie zu begrüßen und sich vorzustellen, doch ihre Regeln verboten es. Als letzten Satz hatte sie unter ihre Regeln geschrieben: „Bei einem Verstoß, egal welchem, werde ich unverzüglich gehen.“ So setzte er sich stumm, ohne sie zu begrüßen, ohne sie direkt anzusehen, ohne etwas zu sagen neben sie.

Sie konnte kaum glauben, wer dort auf sie zukam. Sie musste sich sehr überwinden, ihn nicht direkt anzustarren, aber sie konnte ja schlecht ihre eigenen Regeln brechen. Sie konnte ihn riechen und seinen Atem hören. Wie gerne, hätte sie nun auch seine Stimme gehört.

Das Konzert begann. Während des Konzerts ließ sie ihn keine Sekunde aus den Augen. Sie beobachtete, wie er sich kratzte, die Hände faltete, klatschte, seine Unterlippe massierte. Sie fand es unglaublich, was sie über einen Menschen erfahren konnte, ohne mit ihm zu sprechen. Sie war sich sicher, dass auch er sie nicht aus den Augen ließ.

Nach dem Konzert standen sie auf. Bewusst vermied sie jeglichen Augenkontakt. Sie verließ die Sitzreihe nach rechts, er nach links. Kein Wort, kein Blick. Als sie aus der Kirche heraustrat, hatte sie ihn bereits aus den Augen verloren, dabei begann nun erst der spannende Teil des Abends. Sie machte sich zu Fuß auf den Weg zum Landwehrkanal. Es waren ein paar Gehminuten, aber sie hatte genug Zeit. Sie hatte auf der Karte geschrieben, dass sie eine Stunde nach dem Konzert im Restaurant Loon sitzen und sich über eine zweite Begegnung freuen würde. Das Loon war ein Restaurant auf einem Schiff, welches am Ufer des Landwehrkanals ankerte. Mit jedem Schritt, dem sie dem Loon näher kam, stieg ihre Anspannung.

Sie sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Sie hatte für sich bereits festgelegt, genau einen Drink lang zu warten, nicht mehr – nicht weniger. Sie wollte hier nicht den ganzen Abend einsam herumsitzen. Wenn er, inzwischen wusste sie ja, dass es ein er war, wenn er langweilig werden würde, dann könnte sie jederzeit mit Hinweis auf die nervigen Mücken den Abend beenden, ohne dass jemand beleidigt sein müsste. Der Plan schien geradezu perfekt und war bisher auch perfekt aufgegangen.

Er sah auf die Uhr. Seit dem Konzert waren 55 Minuten vergangen. Er hatte das Restaurant gut gefunden und hatte sie bereits auf dem Deck entdecken können, doch er wollte ihre Regeln unbedingt befolgen, damit es zu einer zweiten Begegnung kommen könnte. Er saß am Ufer des Kanals und beobachtete die zahlreichen Wasserläufer, die mutig zwischen den Enten und Schwänen herumliefen. Ab und an musste er seine Hand als Fliegenklatsche einsetzen, um sich der Mücken zu erwehren, die in der lauen Sommerabendluft zu Tausenden über dem Wasser schwebten.

Sein Handy summte. Er hatte eine Nachricht von seinem Freund bekommen, der ihm ein Foto vom Similaungletscher geschickte hatte. Die Nachricht darunter lautete: „Heute eine 12 km Mountain-Bike-Tour gemacht. Komme mir vor, wie auf der Tour de Südtirol.“

Er schaute auf das Foto und lächelte. Normalerweise wäre er jetzt sicher etwas neidisch geworden, aber er sah zu dem Restaurantschiff hinüber, deren Deckbeleuchtung im Abendwind leicht hin und her schwang und aussah wie ein Heer aus Glühwürmchen und dachte bei sich: „Wenn ich dir davon erzähle, wirst du mir kein Wort glauben.“

Als die 59. Minute anbrach, ging er auf den Einlass zum Restaurant zu. Er musste nur das Konzert erwähnen, da wusste die Kellnerin bereits, wohin sie ihren führen musste.

Zum zweiten Mal an diesem Abend näherte ihr sich ein Unbekannter, doch dieses Mal würde es anders sein.


Das Schiff mit den zwei Masten ist das Restaurant Loon,

14 Gedanken zu “abc-Etüden – Sommeretüden – Die Willkür der Stadt

  1. Oh, eine Art Blind Date und sogar ein bisschen mehr, da er ja nicht mal wusste, dass er eins haben würde! Wie wunderbar, und was für eine zauberhafte Idee. Da kann man den beiden ja eigentlich nur wünschen, dass sie aneinander Gefallen finden und zumindest einen schönen Abend miteinander verleben! ❤️😁
    Gefällt mir sehr gut, deine liebenswerte Geschichte. Ich wüsste gern, wie es weitergeht, was immer ein Kompliment ist, und dieses Mal empfinde ich das Ende auch nicht als Cliffhanger 😉
    Schön, dass du mitgeschrieben hast, vielen Dank! 👍👍👍
    Samstagmorgenkaffeegrüße! 😁🌤️🌳🌼☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: 7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2021 | Irgendwas ist immer

    1. Vielen Dank. Ist manchmal gar nicht so einfach, die Geschichten positiv zu gestalten ohne dass sie „ kitschig“ wirken. Kitschig bedeutet für mich immer irgendwie unecht und aufgesetzt. Ich hoffe, dass die Geschichte trotz der Unwahrscheinlichkeiten in sich echt wirkt.

      Gefällt 3 Personen

      1. Verstehe. Nun, ob die Wirklichkeit so spielt, muss man in jedem Einzelfall wohl neu eruieren. Denn das Leben iSt sehr sehr einfallsreich. Wenn ich dir erzählen würde, wie mein Mann und ich uns kennengelerrnt haben (wir sind seither schon 54 Jahre zusammen), würdest du es wohl in einer Erzählung als total unwahrscheinlich ablehnen.

        Gefällt 3 Personen

  3. Grace

    Eine spannende Szene!
    Eine Fortsetzung davon hier zu lesen fände ich toll…
    Manche Begegnungen, die mir „in echt“ im Leben schon geschehen sind , sind so unwahrscheinlich, dass sie in Geschichten sicher unter die Rubrik „unecht = kitschig“ fallen würden. => Deshalb hab ich schon länger keine Angst mehr vor Kitsch 😉

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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