Tanzen ist …

Noch ein Nachtrag zu meinem Workshop „Brief an den Tanz“

Tanzen ist…

ist Schreiben

mit dem Körper

ist Kommunikation

jenseits von Worten

ist ein innerer Dialog

mit Extremitäten

ist ein Abenteuer

mit dem eigenen Ausdruck

ist die Überwindung

der eigenen Peinlichkeit

ist die Expression

der eigenen Innerlichkeit

ist das Bewegen

ungedachter Gedanken

Brief an den Tanz

Ich komme gerade von einer Veranstaltung der Potsdamer Tanztage. Es ging um die Kombination aus Tanzen und Schreiben. Am Ende sollte der Brief an den Tanz stehen.

https://fabrikpotsdam.de/workshop/342

Es war ein sehr persönlicher Brief und irgendwie mein persönliches Dankeschön an den Tanz für so viele schöne Momente. Ein schönes Erlebnis. Ich bin sehr dankbar dafür.

Der Briefeschreiber

Ganze zwei Stunden war er nun schon um seinen Schreibtisch herumgeschlichen. Jetzt hatte er sich endlich hingesetzt. Eigentlich hatte er sich sich schon vor vier Wochen vorgenommen, diese Aufgabe zu erfüllen, aber er hatte dankbar jede Art von Ablenkung entgegengenommen. Nun saß er da, vor einem weißen Blatt P apier mit seinem altmodischen F üllfederhalter in der Hand. Die Unberührtheit, die J ungfräulichkeit des Papiers schrie ihn geradezu an und ließ ihn zögern. Er hatte sich vorgenommen, einen B rief zu schreiben, einen echten, analogen, m anuellen,altmodischen Brief. Keine E-Mail am C omputer, sondern ein echtes D okument, erstellt mit seiner eigenen H andschrift. Er starrte auf die die fast weiße Seite vor ihm. Er hatte im Schrank ein paar alte Blätter Schreibpapier gefunden. Schweres, dickes Papier, mit einem O rnament von Y lang-Ylangblüten als W asserzeichen. Sein Blick verfing sich in den zarten Blüten und er begann in Erinnerungen zu versinken. Seit dreißig Jahren hatte er kein Lebenszeichen mehr von ihr gehabt, doch vergessen hatte er sie nie. Noch weniger konnte er vergessen, geschweige denn sich verzeihen, was er ihr angetan hatte. Immer wieder quälte ihn die Erinnerung. Er hätte so gerne die Zeit zurückgedreht, um ungeschehen zu machen, was nie hatte passieren dürfen. Zumindest hatte er sich die Möglichkeit gewünscht, sich zu entschuldigen, doch es gab nie wieder einen Kontakt zueinander. Bis nun seine Tochter ihn mit der Nachricht überraschte, dass sie ein Bild von ihr und ihrer Tochter auf Facebook gefunden hatte. Als sie ihm das Foto zeigte, erzählte er seiner Tochter die Geschichte. Sie musste weinen und auch ihm waren ein, zwei Tränen gekommen. Tage später überfiel seine Tochter ihn regelrecht mit einer Adresse. Auf die Frage, wo sie die herhabe, hatte sie nur gesagt: „Ich gebe meine Quellen niemals preis“ und war wieder verschwunden. Plötzlich gab es die Chance, eine über dreißig Jahre offene Wunde zu schließen. Seine Finger zitterten. Er wusste nicht einmal, wie er die A nrede formulieren sollte. Ein „Sehr geehrte“ war ihm zu förmlich, ein „Liebe“ schien ihm irgendwie unpassend. Dies sollte ja kein L iebesbrief, sondern eine Entschuldigung werden. Er setzte vorsichtig die Feder auf das Papier. Er hatte Angst, die Reinheit des Papiers mit einem T intenklecks zu verschandeln. Die Feder kratzte etwas, zu lange war sie bereits nicht mehr verwendet worden. Er konnte fast spüren, wie der Zellstoff sich voller Tinte saugte, als würde seine Erinnerung direkt hinein fließen. Ganz langsam und mit viel Druck führte er die Feder, als wollte er jeden Buchstaben in das Papier g ravieren. Er hatte einmal gesehen, wie bei einer X ylografie Buchstaben in Holzplatten geritzt wurden, um sie anschließend zu drucken. Es kam ihm so vor, als würde er ähnlich viel Druck benötigen, damit seine S chrift nicht zu k rakelig aussah. Z eile um Zeile schrieb er sich die Last von seiner Seele. Er ließ sich viel Zeit und vollendete jeden Buchstaben mit größter Sorgfalt. Jeden I -Punkt setzte er mit äußerster Präzision. Er ließ links und rechts ausreichend R and, damit seine Schrift nicht zu sehr die bezaubernden Blütenornamente verdeckte. Als er mit seinem Namen unterschrieben hatte, war er völlig erschöpft. Sorgsam faltete er den Brief, steckte ihn in einen U mschlag und v ersiegelte ihn mit dunkelrotem Siegelwachs und dem Siegelring der Familie. Er betrachtete sein Werk. Er fühlte sich müde aber erleichtert. Gleich morgen würde er den Brief zur Post bringen. „Spätestens“, so sagt er sich, „übermorgen“. Er legte den Brief auf das Sideboard im Flur, auf dem jede Menge ungeöffneter Briefe, Prospekte und Zeitungen lagen. „Spätestens Freitag“ sagte er sich und ging zu Bett.

Inspiriert durch:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/08/02/alphabet-etuedensommerpausenintermezzo-iii-2020/

Eine Geschichte mit einem themenbezogenen Alphabet.

Mein ABC:

A nrede

B rief

C omputer

D okument

E Mail

F üllfederhalter

G ravieren

H andschrift

I -Punkt

J ungfräulichkeit

K rakelig

L iebesbrief

M anuell

N achricht

O rnament

P apier

Q elle

R and

S chrift

T intenklecks

U mschlag

V ersiegeln

W asserzeichen

X ylografie

Y lang-Ylang

Z eile