abc-Etüde, Buchstäblich gepennt

Bild: Christiane

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von auf irgendwas ist immer.

Nach guter Tradition werden die ersten Wörter nach dem Break immer von dem Etüdenerfinder (oder von mir) gespendet. Für die Textwochen 36/37 des Schreibjahres 2022 stammt die Wortspende also von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr). Sie lautet:

Brechreiz
anschmiegsam
buchstabieren.


Buchstäblich gepennt

Er atmete tief durch und begann seinen Namen zu buchstabieren. Inzwischen war er sich sicher, dass er seinen Flug nicht mehr bekommen würde. Verzweifelt versuchte er mit der spanischen Dame am Schalter der Fluggesellschaft zu kommunizieren, doch sie verstand ihn einfach nicht. Er hatte fast 20 Minuten gebraucht, um ihr zu erklären, dass ihm sein Ticket und sein Ausweis geklaut worden waren. Das Ticket hatte er auch auf seinem Handy, aber ohne Ausweis wollten sie ihn nicht fliegen lassen. Er versuchte ruhig zu bleiben, doch die ganze Aufregung und die Aussicht den Flug in die Heimat zu verpassen, verursachten ihm Brechreiz. Zum dritten Mal buchstabierte er seinen Namen in der Hoffnung, doch noch in den Flieger steigen zu dürfen.

In Gedanken sah er die junge Dame im Zubringerzug noch vor sich. Sie hatte müde ausgesehen und war scheinbar bereits kurz nach der Abfahrt eingeschlafen. Zumindest hatte er das gedacht. Sie war kurz darauf leicht zur Seite gekippt und hatte sich etwas an ihn gelehnt. Er hatte einen Moment gezögert, sie aber dann gewähren lassen. Sie war immer anschmiegsamer geworden. Ihr langes schwarzes Haar hatte wie eine Blumenwiese gerochen.

Die Dame von der Fluggesellschaft riss ihn aus seinen Gedanken, als sie ihm ein Formular hinhielt, welches er unterschreiben sollte. Es war spanisch. Er hatte keine Ahnung was er da unterzeichnete, aber es war ihm egal. Unruhig setzte er seine Unterschrift auf das Papier.

Die junge Dame war erst aufgewacht, als sich die Türen vom Zug öffneten. Sie hatte sich auf englisch entschuldigt und war dann eilig in der Menge des Flughafens untergetaucht. Dass seine Brieftasche weg war, hatte er erst gemerkt, als er seinen Flat White an der Flughafenbar bezahlen wollte. Er ärgerte sich über seine Naivität als die Dame von der Fluggesellschaft ihn anlächelte und „It’s ok“ sagte.

abc-Etüden. Wieder…

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von auf irgendwas ist immer.

Die Wortspende für die Textwochen 25/26 des Jahres 2022 stammt von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Sie lautet:

Wiedergeburt
blümerant
antanzen.


Wieder…

Mit schnellem Schritt geht er auf die Treppe der U-Bahnstation zu. Tief atmet er die kalte Abendluft ein, um sich zu beruhigen. Er ist froh, den Absprung geschafft zu haben. Er hatte von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt, bei diesem Date. Das ziemlich kryptisch verfasste Profil war ihm schon beim ersten Lesen suspekt vorgekommen. Immer wieder hatte er das Profil öffnet und war jedes Mal auf neue gefangen. Er hatte er sich gesagt, dass er sich nicht mit ihr treffen wolle, doch diese türkisblauen Augen ließen ihn nicht mehr los.

Als er vor zwei Stunden vor dem Café gestanden hatte, war ihm äußerst blümerant zu mute. Es hatte sich irgendwie angefühlt, als müsste er zu einer Inspektion seiner Seele antanzen. Diese Augen, das spürte er, würden bis in den letzten Winkel seines Selbst blicken können. Er hatte Angst und konnte doch nicht widerstehen.

Als er ihr gegenüber saß, brachte er fast kein Wort über die Lippen. Diese Augen raubten ihm den Verstand. Er hatte große Mühe ihren Worten zu folgen, geschweige denn sich aktiv am Gespräch zu beteiligen.

Erst nach und nach gelangten erste Wortfetzen an sein Ohr. Sie bezeichnete sich als Wiedergeburt einer ägyptischen Tempelpriesterin. Er zuckte innerlich zusammen, denn er glaubte nicht an Wiedergeburten. Sie berichtete ihm as ihrem früheren Leben, von Menschenopfern und Weissagungen und verängstigte ihn mit jedem Satz mehr und doch konnte er sich nicht losreißen.

Den Moment, als sie das Damenklo betrat, nutzte er sofort. Losgelöst aus dem Bannkreis ihrer Augen, war ihm endlich die Flucht gelungen.

Noch etwas benommen betritt er den U-Bahnwagon und setzt sich. Er will durchatmen, doch etwas blockiert ihn. Als er durch den Wagon schaut, bleibt sein Blick an einem Paar türkisblauen Augen hängen.