abc-Etüde, Grau-Orange

Die Wörter für die Textwochen 03/04 des Schreibjahres 2021 stiftete Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7. Sie lauten:

Lautsprecher
orange (NICHT die Frucht, die Farbe)
erschüttern.


Grau-Orange

Schon als sie den U-Bahnwagon betrat, stahl sie allen die Aufmerksamkeit, ganz nebenbei aber nicht unbeabsichtigt. Sie tat nichts, außer einzutreten und sich an die gegenüberliegende geschlossene Tür zu lehnen, aber von einem Moment auf den anderen hatte sich die Stimmung gewandelt.

Das Innere des Wagons fühlte sich nicht mehr so alltäglich, feierabendlich grau an, sondern war in das grelle, fröhliche orange ihrer Haarfarbe gewechselt. Die Blicke, die sich an ihr abarbeiteten, reichten von interessiert über erschrocken zu Unwohlsein und aggressiver Ablehnung. Ihr kurzer Rock und die bis zur Mitte ihres Schenkels gehenden schwarz-weiß-gestreiften Strümpfe, die am Fuß in schweren klobigen Stiefeln verschwanden, wirkten wie ein Testbild, wie ein Sehtest in dieser Tristesse der Großstadt. Ihre Lederjacke war mit Ketten und Nieten versehen und funkelte im grellen Neonlicht. Sie wirkte, als wäre sie einem berliner Klischee entsprungen, dabei war sie ganz klischeelos. Sie war einfach nur da. Einfach anders. Orange!

Blicke flogen umher wie Tauben, wenn man am Alexanderplatz in eine am Boden pickende Schar hineinläuft. Man konnte fast das typische Flügelschlagen in den Köpfen der Mitfahrenden hören.

Ihre überdimensionalen Kopfhörer schienen ihr Gesicht geradezu einzurahmen. Doch sie verfehlten ihre eigentlich Aufgabe und waren eher Lautsprecher, die mit wilder Technomusik alles durchfluteten. Die hektischen Beats trieben den bisher trägen Wagon geradezu aus den gewohnten Gleisen. Die Blicke wurden ernster, ärgerlicher, aggressiver. Erste Äußerungen wie : „So was aber auch!“ waren zu hören.

Die Stimmung kippte merklich. Nicht allmählich, sondern sie sprang geradezu aus den Schienen.

Ich wollte nicht, dass dieser Wagon wieder ins graue Gleisbett abrutschte. Ich genoss dieses schrille Orange, dass mit 120 BPM den Raum erschütterte.

„Das ist doch unerhört“ sagte eine ältere Dame neben mir und ich dachte, recht hat sie. Ich stellte meine Aktentasche ab, zog die Krawatte zurecht und…

begann zu tanzen.

Tanzraum

Tanzen

ist die Neudefinition

des Raumes

des Raumes

den ich mir nehme

erschreite

ertanze

erdrehe

des Raumes

den Du erfüllst

ausfüllst

belebst

erfahrbar machst

des Raumes

den ich mir gestatte, in dem ich

mich erweitere

mich strecke

mich transzendiere

des Raumes

den du dir nimmst

vereinnahmst

einforderst

übernimmst

des Raumes

den ich dir lasse

anbiete

übertrage

zu Füßen lege

des Raumes

den ich dir nehme

entführe

abringe

erobere

In der Brandung

Ein paar Eindrücke vom letzten Tanz am Freitag.

der stete Tropfen

mag in seiner Unablässigkeit

den Stein höhlen

doch ich trotze ihm

ich trotze den Wellen

die in ihrer Urgewalt

gegen mich branden

doch ich werde nicht zurückschlagen

ich trotze der Flut

die ihre Untiefen

über mich kommen lässt

doch ich werde nicht untergehen

ich trotze der Ebbe

die mich der Ungeschützheit

preis gibt

doch werde nicht schutzlos

ich trotze der Sonne

die mit ihren UV-Strahlen

mich aufheizt

doch mir wird nicht warm

ich trotze dem Wind

der seine Ungestürmtheit

an mir austobt

doch ich werde nicht unruhig

ich trotze dem Regen

der seine Unwetter

über mir ausschüttet

doch ich werde nicht nass

ich trotze der Zeit

die seit Urzeiten

sekündlich an mir nagt

doch ich werde nicht alt

der stete Tropfen

mag in seiner Unablässigkeit

den Stein höhlen

doch ich trotze ihm