Gedicht

Berlin – Hamburg

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er war erzählen, Hier ein Erlebnis von einer Reise nach Hamburg, die sich fast genau so zugetragen hat.

Neulich im ICE von Berlin nach Hamburg. Der Zug war gerade eingefahren. Ich hatte mich gemütlich in meinen Sitz fallen lassen, als eine Mutter mit ihrer ungefähr sechzehn Jahre alten Tochter neben mir die zwei Plätze eroberte. Sie wuchteten den kleinen Koffer auf die Gepäckablage, bis dahin schien alles irgendwie unauffällig.

„Siehst du, war doch gut, dass wir so früh los sind.“ sagte die Mutter.

„Ja“ sagte die Tochter in dem typischen Ja-sagen-Tonfall der keine Zustimmung, sondern ein es-reicht-jetzt bedeutet.

„Jetzt haben wir sogar noch etwas Zeit“ sagte die Mutter fröhlich.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch acht Minuten bis zur von der Bahn angegebenen Abfahrtzeit.

„Hast du alles?“, fragte die Mutter.

„Ja“ sagte die Tochter in dem gleichen Tonfall.

Ich dachte sofort, was für eine dämliche Frage. „Alles“ ist in diesem Fall so unbestimmt und nichtssagenden, dass einem in diesem Moment niemals auffallen würde, dass man irgendetwas nicht hätte. Die Idee, dass einen die Erinnerung an „Alles“, tatsächlich an genau das erinnern könnte, was man gerade vergessen hat, finde ich geradezu aberwitzig. Wohlwissend, dass ich diese Frage selbst schon tausend mal gestellt habe, schüttel ich leicht den Kopf.

„Ich werde noch den Wagon außen, mit der Wagennummer fotografieren und Onkel Klaus per WhatsApp schicken. Dann weiß er, wo er dich abholen muss.“

Das war eine Idee, die mir wirklich imponierte. Bei all den gleichaussehenden ICE-Wagons, weiß man natürlich wirklich nicht, wo man sich am Bahnsteig positionieren sollte. Da wäre ein Foto vom Wagon natürlich äußert hilfreich. Ok, die Wagennummer ist wichtig. Da wir im Wagen 6 saßen, würde theoretisch die Nachricht von einer einzigen Zahl ausreichend sein, aber ein Foto ist natürlich viel hilfreicher.

Die Tochter brummte nur noch. Sie wusste, hier würde auch kein es-reicht-jetzt-Ja mehr helfen.

„Ich überlege ja noch, ob ich bis Spandau mitfahre“, sagte die Mutter.

„Der Zug hält nicht in Spandau“, sagte die Tochter.

Für einen Moment, war ich versucht korrigierend einzugreifen. Aber ich hatte dann doch etwas Mitleid und wollte ihr wenigstens die knappen zwei Stunden Selbstständigkeit auf der Fahrt nach Hamburg gönnen, bevor sie wieder in den Schoß der Familien fallen würde. Außerdem hatte ich Angst vor ihrem tödlichen Blick, den sie mir garantiert zugeworfen hätte, wenn ich ihre Pläne durchkreuzt hätte. Sie kennen doch sicher diesen Medusablick, der einem das Blut in den Adern gefrieren und einen fast direkt zu einer Salzsäule erstarren lässt. Ok, die Salzsäule stammt nicht von Medusa, aber sie wissen schon was ich meine.

„Hast du die Eibrote eingepackt?“

„Mama!“, sagt sie in einem verzweifelten Ton, der wirklich etwas in den Ohren schmerzte.

„Was denn?“

„Ich esse jetzt keine Eibrote“.

„Aber warum denn nicht? Die hast du früher immer so gerne gegessen, wenn wir unterwegs waren.“

„Früher, Mama“ sagt die Tochter schon fast am Rande des Zusammenbruchs.

„Ach komm, so lange ist das nicht her.“

„Mama ich fahre nur nach Hamburg, nicht bis Italien!“

„Ok, ok. Bringst Du mich noch zur Tür?“

„Nein!“

„Oooch!“ Die Mutter schien geradezu vor den Kopf gestoßen. Immerhin waren es bestimmt 10 vielleicht 15 Meter bis zur Tür.

„Ich will den Rucksack nicht alleine lassen“ reagierte die Tochter bravourös. Hut ab, dachte ich. Die Kleine ist schlagfertiger, als die Mutter sich jemals vorstellen könnte.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die Mutter gar nicht mitfahren wollte, sondern nur noch im Zug war, weil sie sich nicht losreißen konnte. Wer kennt das nicht. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Dinge, die noch schwieriger sind, als sich von seiner Mutter zu verabschieden, ohne einen zweiten Haushalt inklusive gefüllter Vorratskammer mitzunehmen. Erst recht wenn eine so lange und gefährliche und beschwerliche Reise wie diese bevorstand. Auf so einer Reise kann natürlich verdammt viel passieren. Immerhin lagen zwei Stunden Fahrtzeit und ein ganzer Zwischenhalt vor uns. An ein Umsteigen, wäre ja auch ohnehin nicht zu denken gewesen. Das hätte die junge Dame ja auch völlig überfordert. Die Tochter vermutlich nicht, aber die junge Dame in jedem Fall.

Schließlich fiel die Mutter der Tochter um den Hals und drückte sie, und die Tochter drückte für einen Moment auch kräftig mit. Der Moment wurde ihr dann doch etwas zu viel, aber aus einer mütterlichen Umarmung gibt es bekanntlich kein Entrinnen. Da entkäme man eher der Umarmung eines Braunbären als der einer Mutter. Schließlich riss sich die Mutter schweren Herzens los und ging Richtung Ausgang. Die Tochter hatte es noch nicht geschafft sich zu setzen, da stürmte die Mutter erneut heran, um die Tochter überfallsartig noch einmal kräftig an die zitternde Mutterbrust zu drücken.

Nun wurde es aber Zeit, sonst würde sie doch noch bis Spandau mitfahren müssen.

Sie ging und langsam wurde es ruhig im Abteil. Fast alle hatten ihre Plätze gefunden und die junge Tochter widmete sich ihrem Handy.

Ein paar Momente später, sah ich mich im Abteil um. Dabei fiel mein Blick an der Tochter vorbei durch das Fenster auf den anderen Bahnsteig, auf dem verzweifelt die Mutter hampelmannschlagend die Aufmerksamkeit ihrer Tochter zu gewinnen versuchte. Für einen kurzen Moment genoss ich die Show, doch dann ergriff mich das Mitleid. Ich beugte mich zu der jungen Dame und sagte: „Entschuldigen Sie!“

„Ja bitte?“ sagte sie höflich, sah von ihrem Handy auf und mich erstaunt an.

„Ich glaube Ihre Mutter versucht sie auf sich aufmerksam zu machen.“ Ich deutete aus dem Fenster.

Sie riss die Augen auf, schüttelte den Kopf und schrie leise auf: „Oh nein“, als sie ihre Mutter wild winkend auf dem anderen Bahnsteig sah. Um die fast kunstturnerische Darbietung der Mutter zu stoppen, warf sie ihr eine Kusshand zu, bevor der Zug gnädigerweise sich in Bewegung setzte und die beiden nun endgültig trennte.

Aus dem Hautbahnhof herausfahrend erklang eine Stimme: „Nächster Halt in wenigen Minuten: Bahnhof Spandau“

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube in dem Moment ein Lächeln auf ihrem Gesicht gesehen zu haben.

Gedicht

Philosophen

wo sind sie hin

die Philosophen

nicht die Kritiker

die Denker

nicht die Henker

die Idealisten

nicht die Ideologen

die Lebensklugen

nicht die Neunmalklugen

die Diskutierer

nicht die Dogmatiker

die Hinterfrager

nicht die Vorwegbehaupter

die Den-Dingen-Nachgeher

nicht die Nachtreter

die Fragensteller

nicht die Fallensteller

die Bedenkenäußerer

nicht die Neinsager

die Querdenker

nicht die Querulanten

die Finger-in-die-Wunde-Leger

nicht die Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeiger

die Antwortsucher

nicht die Wahrheitspächter

wo sind sie hin?

Gedicht

Kaffee zum Freihalten

ein Kaffee

irgendwie

kostbarer

in diesen Tagen

nein

nicht zum Mitnehmen

ich nehme mir

die Zeit

wer weiß schon

wie lange das noch geht

wie lange es dieses Café

noch gibt

ich gebe

großzügig Trinkgeld

in der Hoffnung

wiederkommen

zu können

zu dürfen

ich nehme Platz

ich sitze gerne

allein im Café

zum Schreiben

zum Denken

zum Kaffeetrinken

ich schließe dort

keine Kontakte

spreche keine Menschen an

und doch

meinen Tisch zu teilen

mit

hier bitte freihalten

ist irgendwie

nicht das gleiche

Gedicht

Sommersonnenwende

die Tage werden kürzer

nein, nicht kürzer

sondern dunkler

die Tage bleiben gleich

immer gleich

sie kümmern sich nicht

um Licht oder Dunkelheit

um Sonne oder Mond

um Sommer oder Winter

 

doch nun verschwindet jeden Tag

ein Moment Licht

 

was tun?

die eigenen Sonnenlichtsreserven

auffüllen?

die Sommerspeicher

volltanken?

die Sonnenstrahlen einfangen

und einwecken?

für schlechte Zeiten?

die Wärme unter der Haut

speichern

für die kalten Tage?

 

oder

 

ganz verschwenderisch

das Licht aufbrauchen

bis zum Sonnenuntergang

sich darin aalen

und nicht

an den Winter denken?

 

wer weiß schon

ob der Winter kommt

vorsorgen ist gut

aber der Lichtverzicht heute

kann morgen

vielleicht

nicht mehr

nachgeholt werden

 

Gedicht · Tanzen

Life is a Beach

Life is a beach (Foto)

das Leben

ist ein Strand

die Tage und Jahre

kommen und gehen

wie die Berge und Täler

der Wellen

die mal ganz sanft

heranplätschern

mal wütend über einen

hinwegdonnern

mal bringen sie etwas mit

mal reißen sie etwas fort

das Leben

ist ein Strand

Menschen ziehen vorbei

mal hinterlassen sie

tiefe Spuren

die sichtbar bleiben

mal zeichnen sie nur

flüchtige Abdrücke

die sich auflösen

das Leben

ist ein Strand

es mag

immer gleich aussehen

doch es ist

im ständigen Fluss

der Veränderung

Der Song „Life is a Beach“ von Touch and Go auf YouTube