Veröffentlicht in Gedicht

Zweifellos

es lebe der Zweifel

Zweifler der Welt

verzweifelt nicht

denn zweifellos

gibt es ohne Zweifel

keine Erkenntnis

wer würde schon daran zweifeln

das ist doch zweifelsfrei erwiesen

und zum Glück kann jeder Zweifel

durch rationalistische Überlegung

ausgeräumt werden*1

oder gibt es Zweifel

an der Rationalität des Menschen

das wären ja Selbstzweifel

und wenn der Zweifel

den Zweifel an uns selbst zeugt*2

führt das zweifellos

in die Verzweiflung

also besser nicht zweifeln


also alles glauben

alles erhalten und bewahren

auf Erkenntnis und Veränderung verzichten

doch wer verzweifelt alles bewahren will

wird am Ende alles verlieren*3


also doch zweifeln?

oder verzweifeln im Angesichts

des Zweifels?

oder den Zweifel anzweifeln?


*1 Vgl. Descartes

*2 Vgl. Grillparzer

*3 Vgl. Hauptmann

Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

#writingfriday – Sprunghaft

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Aufgabe: schreibe eine Geschichte die beginnt mit:

Von Natur aus war Lara eigentlich nicht so, doch…

besondere Zeiten verlangen besondere Handlungen. Sehnsüchtig schaute sie auf das vor ihr liegende Oval, welches von sandfarbenen Steinen eingefasst war.

Zögerlich sah sie um. Sie biss sich auf die Lippen. Konnte Sie das wirklich wagen?

Sie blickte zu Boden und trat einen kleinen Schritt zu Seite, um nicht auf einer Spalte zwischen Steinplatten zu stehen.

Würde sie sich das trauen? Hier? An diesem Ort? Jetzt?

Sie schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Sie konnte das Wasser regelrecht riechen.

Sie nickte und zog sich noch mit geschlossenen Augen die Schuhe aus. Anschließend die Söckchen, die sie ordentlich in die Schuhe steckte. Langsam richtete sie sich auf.

Das reicht, sagte eine Stimme in ihr. Sie schüttelte den Kopf. Sicher, sie könnte es auch so tun. Das alleine wäre schon eine enorme Grenzüberschreitung für sie gewesen. Etwas eigentlich vollkommen Undenkbares. Heute jedoch … jetzt… es würde nicht reichen, das spürte sie genau. Nicht dieses Mal.

Sie fasste den Saum ihres Sommerkleides und hielt sich einen Moment daran fest.

Tu es, sagte sie sich selbst und mit einem schnellen Ruck zog sie die das Kleid hoch und sich über den Kopf.

Ihr Atem ging schneller. Sie spürte die pralle Sonne auf ihrer Haut. Sorgfältig faltete sie das Kleid zusammen und legte es ganz ordentlich auf ihre Schuhe, damit es nicht den Boden berührte.

Sie ging einen Schritt auf die kleine Mauer zu. Sie war so klein und doch würde es ein riesiger Schritt sein, sie zu übersteigen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Jetzt stand sie hier in ihrer Unterwäsche und konnte und wollte nicht mehr zurück.

Sie hob ein Bein, führte es über die kleine Mauer und spürte die erfrischende Kälte an ihren Zehen. Das war genau das, was sie nun wollte, was sie nun brauchte.

Sie fasste sich ein Herz, stieg ganz über die Mauer. Die Kälte an ihren Füßen fühlte sich herrlich an. Nun gab es kein Halten mehr, und sie lief durch den Brunnen auf die Fontäne zu.

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kritikwürdig

wer würde kritisieren

wenn etwas kritikwürdig sein würde?

wäre es eine würdigende Kritik

wenn man der Kritik würdig wäre?

wäre es eine kritische Würdigung

würde man die Würde kritisieren?

wäre es eine kritische Kritik

ohne Würdigung der Würde?

würde aus einer kritisierten Würde

eine kritische Würde?

wer würde Kritik kritisieren und

Würde kritisch würdigen?

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#der Dienstag dichtet – Narrenfreiheit

Jeden Dienstag gibt es bei Katha ein selbst geschriebenes Gedicht und ich schließe mich dem gerne an.

Narrenfreiheit

ernst ist das Leben

nehmen Sie es so

es wird kein and‘res geben

also seien Sie froh

holen Siw sich Rat

denn Sie wissen nicht genug

schnell machen Sie ne Tat

und die ist dann Unfug

zum Glück gibt es Experten

echte und noch echtere

die uns die Welt erklärten

auch für gedanklich schwächere

es ist auch gut zu wissen

und zwar mit Garantie

Experten sind beflissen

und sie irren nie

im Gegensatz zu mir

ich bin ein echter Laie

ein vernunftbegabtes Tier

in zweiter Wissensreihe

doch wie wäre mein Leben

gäb‘s nur die Regeln der Experten

was würd es für mich geben

wie würde ich es werten

und was würde ich tun

wenn es zwei Ratschläge gäbe

sollte ich steh‘n oder ruh‘n

was wären die Maßstäbe

wer würd‘ für mich entscheiden

auf wen könnt‘ ich mich verlassen

was müsste ich vermeiden

was tun und was lassen

doch muss ich alles wissen

mich jedem Rat beugen

und mit schlechtem Gewissen

mich manchmal selbst verleugnen

vielleicht weiß ich manchmal mehr

ohne drauf zu beharren

als das Expertenheer

und daher: lang leben die Narren

Veröffentlicht in Gedicht, Tanzen

Tanzraum

Tanzen

ist die Neudefinition

des Raumes

des Raumes

den ich mir nehme

erschreite

ertanze

erdrehe

des Raumes

den Du erfüllst

ausfüllst

belebst

erfahrbar machst

des Raumes

den ich mir gestatte, in dem ich

mich erweitere

mich strecke

mich transzendiere

des Raumes

den du dir nimmst

vereinnahmst

einforderst

übernimmst

des Raumes

den ich dir lasse

anbiete

übertrage

zu Füßen lege

des Raumes

den ich dir nehme

entführe

abringe

erobere

Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

#writingfriday: Hexenküche

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Aufgabe: Eine Kräuterhexe mixt einen besonderen Tee, für wen ist dieser und welche magische Wirkung hat er? Verpacke das Ganze in eine kleine Geschichte.

Hexenküche

Sie zog die Decke vor den Eingang, um ihre kleine Hexengruft zu verschließen. Mit ernstem Blick stellte Sie den Kessel auf die kleine Kochstelle, die sie von ihrer Tante zum Geburtstag bekommen hatte. Feierlich sortierte sie die Kräuter, die sie bis zum Sonnenuntergang gesammelt hatte. Sie nahm das Cape mit den leuchtenden Sternen und hängte es sich um. Es gehörte zwar zum Prinzessinnenkostüm, aber sie fand, dass es jetzt absolut passend war.

Sie nahm einen tiefen Atemzug und goss etwas Wasser aus ihrer Plastikkaffeekanne in den Kessel. Dann ergriff sie das erste Kraut. Es hatte einen feinen Flaum am Stängel und lila Blüten, deren Kelche bedeutungsschwer herunterhingen. Konzentriert zupfte sie die Kelchblätter ab und streute sie hinein. 

Auch das zweite Kraut hatte einen Flaum an Blättern und Stängel. Die sternförmige Blüte hatte neben den blauen Blättern auch kleine schwarze Blätter. Sie durfte nur die schwarzen verwenden. Ein einziges blaues Blatt und der Sud wäre dahin gewesen. Mit größter Sorgfalt zupfte sie von drei Blüten die schwarzen Blütenblätter ab, warf einen Blick in den Kessel und nickte zufrieden.

Sie wartete einen Moment, bevor sie von zwei weiteren Kräutern die Blätter in kleine Stücke riss und dem Sud zufügte. Mit dem alten, schon völlig abgewetzten Holzlöffel von ihrer Mutter wurde der Trank umgerührt. Lächelnd warf sie anschließend noch zwei bereits aufgegangene Pusteblumen hinein.

Die zwei wichtigsten Zutaten fehlten noch. Mit den Fingerspitzen nahm sie die beiden Blätter, die mit Schneckenschleim benetzt waren. Vorsichtig roch sie daran. Obwohl sie keinen Geruch wahrnehmen konnte, verzog sie das Gesicht. Sie schmiss die Blätter regelrecht in den Kessel. 

Jetzt fehlten nur noch die Algen, die sie aus dem kleinen Teich gefischt hatte. Sie waren glitschig und rochen muffig. „Schmecken wird das nicht“, sagte sie vor sich hin und ließ die Algen mit einem angewiderten Gesichtsausdruck hineinfallen. Ihr Blick fiel auf ihren Patienten, während sie gewissenhaft ihren Sud umrührte.

Sie atmete noch einmal tief ein und pustete langsam und lange die Luft aus. Dann ergriff sie einen Löffel, nahm etwas Sud und ging zu ihrem Patienten. Behutsam, ja geradezu liebevoll tropfte sie ihm den Sud auf den Mund. Ein paar Tropfen würden reichen, da war sie sich sicher. 

Sie ging einen Schritt zurück und betrachtete ihren Patienten. Ihr ganzer Körper stand nun unter Spannung. Nun würde sich zeigen, was für eine Hexe sie war. Sie ballte die Fäuste und rief: „Los Teddy, steh auf!“

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#abc.etüden, Häftling

Dies ist ein Text zu den abc.etüden

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/09/06/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-37-38-20-wortspende-von-ludwig-zeidler/

3 Worte in max. 300 Wörtern

Idee – vergraben – engelhaft


Häftling

Er hat sein Gesicht tief in das Revers seinen dunklen Mantels vergraben. Er spürte seinen schnellen Herzschlag, seinen schweren Atem und das Gewicht der Waffe in seiner Manteltasche.

Seit mehr als einer halben Stunde ging er hier vor der Bank auf und ab und beobachte, wie Menschen des Gebäude betraten und wieder verließen. Schon drei mal hatte er sich wegen dieser dämlichen Idee verflucht, aber er hatte keine Wahl. Endlich schien nur noch eine Kundin am Schalter zu sein. Er wartete geduldig, wenn auch angespannt.

Als ein Schatten auf die Tür zuging, trat er ihm entgegen. Der Puls hämmerte in seinem Kopf. Seine Hand umkralllte das Metall in seiner Tasche. Als die Tür geöffnet wurde, blickte er zu Boden. Er wollte jeden Kontakt vermeiden, doch die junge Dame rempelte ihn aus Versehen an. Für einen Moment sah er auf und blickte direkt in ihre Augen. Dann war sie weg. Er blieb unschlüssig in der Tür stehen, sah ihr regungslos nach. Die Zeit verstrich.

Dann sprang er aus der Tür, rannte ihr nach und stoppte sie, indem er sich vor ihr auf die Knie warf. „Sie schickt der Himmel! Sie sehen aus wie ein Engel. Bitte retten Sie mich. Nehmen Sie mich mit! Nehmen Sie mich in Engelhaft, bevor ich etwas tue, was mich ins Verderben stürzt.“

Sie sah den Fremden bestürzt an.

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# Der Dienstag dichtet: Was ich heute…

Jeden Dienstag gibt es bei Katha ein selbst geschriebenes Gedicht und da ich gerne Gedichte schreibe, bin auch ich dabei.


Was ich heute

was ich heute kann besorgen

das verschiebe ich gern’ auf morgen

ach und vielleicht noch ’nen Tag weiter

das macht die Stimmung froh und heiter

es ist doch auch gar nicht so eilig

mir ist auch g’rade nicht langweilig

also kann’s noch länger warten

und ich mach’ lieber and’re Taten

ich mache hier und mache da

nur nicht was anliegt, das ist klar

ich mach‘ nur was zum Augenwischen

und manchmal sogar was dazwischen

doch dann kommt das deadline Ende

und es kommt zur krassen Wende

unter dem nun großen Druck

gebe ich mir einen Ruck

vollbring’ in Eile das ganze Stück

in letzter Sekunde noch zum Glück

das war mal wieder ziemlich fix

doch draus gelernt hab‘ ich nix

schon beim nächsten Mal passiert es wieder

verschieb’ die Arbeit auf und nieder

das macht zwar alles keinen Sinn

und doch krieg’ ich es nicht anders hin

Aufschieben ist manchmal eine Qual

doch habe ich da leider keine Wahl

ich tu es immer immer wieder

bin ein Profi-Prokrastinierer

Veröffentlicht in Gedicht, Tanzen

Sommerende

Nachdem ich heute eindrücklich das Ende des Sommers getanzt habe, fand ich hier:

https://mutigerleben.wordpress.com/2020/09/04/writing-friday-erinnerungen-2/

die Formulierung: „die Macht des Sommers ist gebrochen“

Daraus ist das hier entstanden.


er ist gebrochen

kraftlos hängt er zwischen den größer werdenden Dunkelheiten

sein letztes Licht wirft lange Schatten

unter dem Eicheltrommelfeuer

und dem Wildgansgezwitscher

versinkt ein welkes Blatt

nach dem letzten Toast

im schal gewordenen Rosé