Ausdruck der Woche (15), Kreislaufwirtschaftsgesetz

Jede Woche achte ich darauf, welche Ausdrücke mir so begegnen, um sie dann auf eine oder andere Art und Weise zu betrachten.


Zwei Jahre nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz sind die notwendigen Rechtsverordnungen noch nicht umgesetzt. Zu Zeiten in denen der Onlinehandel derartig gepuscht wird, erscheint mir dies um so unverständlicher.


Kreislaufwirtschaftsgesetz

den Marktwirtschaftslauf

hält weder Ochs noch Esel auf

wenn man es genau betrachtet

und dabei auf Kennzahl’n achtet

sind selbst diese Warmblüter

nichts als Produktionsgüter

doch wer so kräftig Hobel schafft

alles für die Wirtschaftskraft

den in‘tressieren nicht die Späne

oder Müllvermeidungspläne

es geht ums Geld – um Dividende

und nicht um die Öko-Wende

so wird zerstört – was nicht gefällt

das kostet deutlich wen‘ger Geld

statt alles wieder herzurichten

in fast endlosen Arbeitsschichten

das Feuer frisst es doch im nu

und wir lassen es auch zu

so klappt Ökonomie

statt Verschwörungstheorie

alle wollen Neues haben

sehnen sich nach neuen Gaben

bei dem Marktwirtschaftslauf

hört der Kreis – hier auf!

abc-Etüde, Der Berg ruft

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Nach guter Tradition werden die Wörter im Break immer von dem Etüdenerfinder oder von mir gespendet. Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 haben wir uns zusammengetan. Die Wörter stammen also von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Der Berg ruft

Er machte eine kleine Pause. Er musste aufpassen, dass die kleine Gruppe von Bergwanderern nicht den Anschluss verlor. Diese sechs Menschen waren aber auch besonders langsam dieses Mal.

Vor zwei Stunden hatten sie das Biwak verlassen. Wenn sie nicht in spätestens einer Stunde am Gipfel sein würden, hätten sie nicht mehr genug Zeit, um noch bei Tageslicht ins Tal zu kommen. Wie waren diese Menschen nur auf die Idee gekommen, den Sechtausender besteigen zu wollen? Sicher, der Күн капкак, oder auch Sonnenhut, war der touristisch erschlossenste Berg des kirgisischen Alatau. Aber es war immer noch ein Sechstausender.

An manchen Tagen verzweifelte er an seinem Job. Nicht, dass er jemals Bergführer hatte werden wollen, aber irgendwie musste er ja seine kleine Familie ernähren. Schlimm genug, dass er im Dorf inzwischen gemieden wurde, weil er die längst verhassten Touristen auf den Berg führte. Die Dorfältesten verachteten ihn dafür, weil die Touristen nur Müll in die Berge trugen und mit ihren schweren Stiefeln und Steigeisen eine Schneise der Verwüstung in die majestätischen Berge schlugen. Früher hätte er sich gegen solche Vorwürfe gewehrt, hätte sie als haltlos bezeichnet. Heute wusste er, dass die Wahrheit viel schlimmer war.

Inzwischen hatte er bei jeder seiner Touren einen zweiten Rucksack dabei, um den Müll seiner Berggruppen weitesgehend wieder mit ins Tal zu tragen. Diese Menschen hatten einfach keinen Respekt vor dem Berg. Alles was sie wollten, war ein Selfie mit dem Gipfelkreuz.

Er wollte gerade weitergehen, als ein Mann „Stop“ rief. Er hatte einen Krampf im Bein. Zwei andere Männer halfen ihm sich zu setzen und massierten seine Wade. Die kleine Gruppe setze sich um ihn herum und legte eine weitere Rast ein.

Allein wäre diese Gruppe hier völlig verloren und irgendwie hätte sie es auch verdient, dachte er bei sich und sah auf die Uhr.


Nachtrag:

Ok, es gibt in Kirgisien keinen Berg namens Sonnenhut, aber dass es eine der ärmsten Bergregionen weltweit ist, das stimmt. Und dass der Bergtourismus immer skurrilere Formen annimmt auch. Und wenn mich das Übersetzerprogramm nicht getäuscht hat, heißen die Zeichen im Text tatsächlich Sonne & Hut.

Gedankenverdreher, Narrativ

Gedankenspiele – Bedachtes – Halbgedachtes -Durchdachtes und Umgedachtes

Die Texte sind keine Antworten, sondern Fragen an die Welt.


Narrativ

ich bin eine Geschichte

meine Geschichte

nein – nicht nur eine

viele

und doch

wird nur diese eine

erzählt

ich bin der Erzähler

ich erzähle nur mich

nur diese Geschichte

aber es gibt sie

in unzähligen Versionen

nichts mit

es war einmal

es war unzähligmal

nichts mit

und wenn er nicht

ich war und bin und werde

sie hingegen

wird jeden Tag neu erzählt

wird jeden Tag anders sein

das Ende ist offen

auch wenn es

jeden Tag

endet