Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

abc-Etüden, Der Wächter, Teil 2

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete (endlich mal wieder) Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern.


Auf vielfachen Wunsch hier also die Fortsetzung:

Der Wächter, Teil 2

Am Morgen betrat er wie immer erneut das Schlafgemach der Seherin. Sie hatte ihre Gemächer längst verlassen, da sie jeden Morgen ein Bad in der warmen Quelle nahm, um die der Tempel herum errichtet worden war. Er löschte das Nachtlicht und schaute auf die Schlafstätte der Seherin. Er war froh, dass er wieder eine Nacht überlebt hatte und doch merkte er, wie sich etwas in seine Gedanken schlich. Jeden Tag verließ er die Gemächer der Seherin ein klein wenig griesgrämiger.

Es hieß, der Blick in die Augen der Seherin wäre es wert, dafür zu sterben. Er wollte nicht sterben. Er dachte an seine Frau und seine Tochter und war froh, dass er mit dieser Aufgabe eine zweite Chance bekommen hatte. Als Dieb mit abgehackten Händen hätte er kein gutes Leben mehr führen können. Welche Arbeit hätte er dann noch vollbringen können? Vom Stehlen mal ganz abgesehen. Nein, die Götter hatten es gut mit ihm gemeint, als sie ihm die Chance gegeben hatten, sein Leben zu ändern. Und doch wünschte er sich insgeheim, einmal in ihre Augen blicken zu können.

Die Möglichkeit des Sterbens hing zwar wie ein Damokles Schwert über ihm, aber war das nicht zu jeder Zeit so? Er hatte nicht nur schon viele Gefährten sondern auch Freunde und Verwandte verloren. Das Leben war immer und zu jeder Zeit gefährlich.

Im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten verließ er die Gemächer der Seherin nicht sofort, sondern durchschritt die Räume und stöberte in den wenigen Habseligkeiten, die eindeutig der Seherin zuzuordnen waren. Er fragte sich, ob ihr Leben so viel lebenswerter war, als sein eigenes. Gedankenverloren betrachtete er ihre Schlafstätte, als die Tür geöffnet wurde.


Hier geht es zu Teil 1

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

#30 Tage – 30 Gedichte (22) – „Quersumme“

30 Tage – 30 Gedichte (22) – „Quersumme“

Dies ist eine Aktion von Lyrimo.


Und schon folgt der 22.Impuls im Bovember 2020 

und weil dies so ein schönes Datum ist, inspirierte es mich zu unserem Impuls.

„Quersumme!

https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/21/quersumme-30-tage-30-gedichte-22/


Verrechnet

das Ganze ist mehr

als die Summe seiner Teile

ganz egal ob man sie quer

rechnet oder pro Zeile

die Arithmetik gibt es vor

so etwas kann doch gar nicht sein

wer so rechnet ist ein Tor

und zählt hinzu sogar den Schein

und doch lehrt uns hier das Leben

Addition hin oder her

es muss mehr als nur Summanden geben

das macht das Rechnen erst so schwer

wenn Augend und Addend*1 in Gänze

und ein Addierwerk*2 hier nicht reichen

sind wir an der mathematischen Grenze

wenn Ergebnis und das Leben sich nicht gleichen


*1- Augend und Addend sind alte Bezeichnungen für die Summanden.

*2- Ist eine Hauptkomponente des Rechenwerks einer CPU.

Veröffentlicht in Gedicht

Wissenswertes

Zum Totensonntag. In Gedenken an …


Wissenswertes

wer weiß

was für ein Wissen

Du mit Dir

genommen hast

was ich nicht von Dir

und über Dich

weiß

und nie wissen werde

welches Wissen

hast du wissentlich

nie jemanden

wissen lassen

welches Wissen

gäbe es wohl noch

über dich zu wissen

von dem niemand weiß

wer weiß schon

welches Wissen

wir wohlweislich

andere nicht wissen lassen

was weiß ich denn schon

was Du wusstest

welches Wissen

für dich wissenswert war

was weiß ich denn schon

was Du nicht wusstest

und gerne

gewusst hättest

was weiß ich denn schon

welches Wissen

Du mich gerne hättest

wissen lassen

hast Du mich

wissen lassen

was ich

wissen sollte

hast Du gewusst

was ich wissen müsste

um zu wissen

wer du bist

weiß ich

was ich wissen sollte

um zu wissen

wer du warst

weiß ich

was ich wissen könnte

um zu wissen

wer Du hättest sein können

Wissen

oder Nichtwissen

ist leider nicht mehr

die Frage

ich weiß

dass da ein Wissen war

von dem ich nicht weiß

ob ich es weiß

Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

abc-Etüden, 1-Satz-Etüde: Quellenangabe

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete (endlich mal wieder) Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern.


1-Satz-Etüde: Quellenangabe

Er stöberte nervös in seinen Unterlagen und suchte verzweifelt nach der Quelle für das gerade verwendete Zitat, um nicht das gleiche Schicksal wie die mögliche zukünftige Ex-Bundesfamilienministerin zu erleiden, welches wie ein Damoklesschwert über seinem inzwischen griesgrämig dreinschauenden Kopf schwebte.

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

abc-Etüde, Etüdengedicht: Aus jung mach alt

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete (endlich mal wieder) Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern.


Aus jung mach alt

von der ursprünglichen Quelle

zum endzeitlichen Delta

überschreiten wir die Schwelle

von der Wiege zur Pieta

die Tage die dazwischen liegen

fallen wie im Herbst das Laub

niemand vermag sie abzuwiegen

bald sind sie wieder wie der Staub

so stöbern wir ganz ahnungslos

durch vergang’ne Zeitgeschichten

halten uns für ganz famos

während Alte griesgrämig uns richten

doch schon in den nächsten Tagen

da werden wir die Alten sein

werden wir dann Neues wagen

oder richten wir uns ein

so wiederholt sich die Geschichte

daraus gelernt haben wir nicht

die Jugend bringt die Alten vor Gerichte

die Alten fordern der Jugend Pflicht

doch wissen wir vom Delta und der Quelle

und wenn wir stets an beides denken

bewegen wir uns von der Stelle

wird uns die Weisheit der Geschichte lenken

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

#30 Tage – 30 Gedichte(21) – „sehnsuchtsort“

30 Tage – 30 Gedichte (21) – „sensuchtsort“

Dies ist eine Aktion von Lyrimo.


ihr werdet eine Gedichtform schon sehnlichst erwarten.Ja, heute ist es an Der Reihe,

Das Pantun

impuls „sehnsuchtsort“

https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/20/sehnsuchtsort-30-tage-30-gedichte21/


Meersucht

die Sehnsucht zog mich zu allen Zeiten

zum wilden zeitlosen Meere hin

ich wollt‘ wie Schaumkronen auf Wellen reiten

als sei das des Lebens wahrer Sinn

zum wilden zeitlosen Meere hin

ab und an zieht’s meine schwermüt‘gen Gedanken

vielleicht ist das des Lebens wahrer Sinn

in hohen Wellen hin und her zu wanken

ab und an zieht‘s meine schwermüt‘gen Gedanken

weit hinaus auf das off‘ne weite Meer

in den hohen Wellen hin und her zu schwanken

träge und müd‘ und wie der Rotwein so schwer

weit hinaus auf das off‘ne weite Meer

ich wollt‘ wie Schaumkronen auf Wellen reiten

träge und müd‘ und wie der Rotwein so schwer

die Sehnsucht zog mich zu allen Zeiten

Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

abc-Etüde, Signale

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete (endlich mal wieder) Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern.


Signale

Wie jeden Morgen betrat sie mit ihrem Kollegen die Forschungsstation. Doch dieser Morgen war nicht wie jeder Morgen. Sie konnte die Anspannung in jeder Faser ihres Körpers spüren. Vielleicht war heute der Tag der Tage. Der Tag, auf den sie alle warteten und von dem jede*r erwartete, dass man ihn selbst nicht mehr erleben würde.

Deutlich eiliger als sonst schritten sie gemeinsam durch die Gänge, fuhren in den 4. Stock und rannten fast schon in das Großraumbüro und zum Drucker. Wenn die Prüfung abgeschlossen wäre, würde hier das Ergebnis liegen, doch das Druckerfach war leer. Die Computer waren noch bei der Arbeit. Sie wagte kaum zu atmen. Die Computer hatten doch sechs Stunden Zeit gehabt. Sie hätten längst fertig sein müssen. Sie sah ihren Kollegen an, der griesgrämig auf den kleinen Drucker starrte.

Gestern war es ihnen endlich mal wieder gelungen, ein Signal aufzufangen. Sie selbst hatte gerade in alten Aufzeichnungen gestöbert, als das Signal erklang. Sofort waren sie beide an die Monitore gestürzt. Es war ein deutliches interstellares Signal, doch die Quelle war nicht eindeutig zuzuordnen. Sofort starteten sie zwei Computerprogramme zur Überprüfung und Identifizierung der Quelle.

Inzwischen hatten sie immer öfter Fehlalarme durch störende Signale terrestrischen Ursprungs. Doch dieses Signal war so stark, wie schon lange keines mehr. Vielleicht war dies endlich der Beweis, auf den sie alle hier so sehnsüchtig warteten. Vielleicht würden sie morgen schon auf allen Fernsehkanälen der Welt zu sehen sein und berichten, dass es definitiv extraterrestrisches Leben gab. Oder sie würden morgen wieder, wie jeden Morgen, gemeinsam die Forschungsstation betreten, als sei nie etwas passiert.

Manchmal fragte sie sich schon, ob es nicht erfolgversprechender wäre, einfach Lotto zu spielen.

Der Drucker sprang an.

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

#30 Tage – 30 Gedichte (20) – „Einsilbig“

30 Tage – 30 Gedichte (20) – „Einsilbig“

Dies ist eine Aktion von Lyrimo.


Bevor wir am Wochenende wieder so richtig schwelgen werden, geht es heute noch einmal etwas wortkarger zu.

„es darf ein bißel weniger sein“

euer Gedicht entsteht heute lediglich aus 1-silbigen Wörtern.

https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/19/einsilbig-30-tage-30-gedichte-20/


Glückssilbe

still ist es rund ums Haus

drum leg dich hin und ruh dich aus

der Wind weht zart auf dem See

im Grün ganz zart da wächst der Klee

noch ein Stück rechts da wächst ein Baum

so groß und stark man glaubt es kaum

wo hin man schaut sieht man Kitsch pur

was ist wohl echt, was rein, was pur

schau auf das, was dein Herz wählt

denn das ist es, was im ernst zählt

was kommt da wohl in den Blick

das ist ein Stück, ein Stück vom Glück

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

#30 Tage – 30 Gedichte (19) – „Triolett“

30 Tage – 30 Gedichte (19) – „Triolett“

Dies ist eine Aktion von Lyrimo.


nachdem wir nun die Radwege verdichtet haben, schauen wir uns wieder eine Gedicht Form an:

diesmal geht es um das Triolett 

euer Gedicht möge von etwas handeln, dass wir mit der Jahreszeit und dem November verbinden.

https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/18/triolett-30-tage-30-gedichteik-19/


Novemberblau

N un schau auf das Novemberblau

O der erkennst du es nicht wieder

V orsorglich umhüllt es den Tag

E i schau auf das Novemberblau

M utig bemalt es den Himmel

B is an den Horizontenrand

E i schau auf das Novemberblau

R uh‘nder erkennst du es nicht wieder

Veröffentlicht in Gedicht, Kreatives Schreiben

#30 Tage – 30 Gedichte (18) – „Radwege“

30 Tage – 30 Gedichte (18) – „Radwege“

Dies ist eine Aktion von Lyrimo.


wir betrachten uns heute literarisch die“Radwege“

., die ja immer mehr an bedeutung gewinnen. 

also, lasst die Tinte rollen, tretet in die Tastenpedale.

https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/17/radwege-30-tage-30-gedichte-18/


Guter Rad

wenn der Radweg endet

dann ist guter Rat teuer

in eine neue Richtung lenken

oder den Lenker abgeben?

die Bremse ziehen

oder sich ausbremsen lassen?

einen Gang höher schalten

oder zum aufrechten Gang wechseln?

fest im Sattel sitzen

oder umsatteln?

den Gepäckträger beladen

oder das Gepäck selber tragen?

beharren auf der Verkehrswende

oder in den Gegenverkehr wenden?

wenn der Ratweg endet

dann ist gutes Rad teuer