abc-Etüden – Sommeretüden – Die Challenge-List

Das Etüdensommerpausenintermezzo II ist ein Schreibimpuls von Christiane auf Irgendwas ist immer.

Die Regeln:

1. 7 von 12 Wörter verwenden

2. Die Geschichte spielt, zumindest zu einem Teil, an einem echten Gewässer. 

3. Die Textlänge ist dieses Mal nicht begrenzt. 

Die Worte: 

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister – Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür


Die Challenge-List

„Jetzt ist alles vorbereitet. Haben sie noch irgendwelche Fragen?“ Der Waldpädagoge sah ihn lächelnd an.

Er wusste nicht, ob es ein bemitleidendes oder ein was-für-ein-Dummkopf-Lächeln war, aber jetzt gab es kein zurück mehr für ihn. „Ja, aber jetzt komme ich alleine klar“, sagte er und merkte, wie ihm bei den letzten Silben die Stimme fast versagte. Im nächsten Moment schlug er sich auf die Wange und wischte die totgeschlagene Mücke ab.

„Gratuliere, sie haben gerade ihre von der Natur aus eingebaute Fliegenklatsche entdeckt“, der Waldpädagoge lachte herzhaft. „Die Natur hat sie nämlich mit allem notwendigen ausgestattet.“ Er lachte lauter. „Na sie werden die zwei Nächte schon überleben.“ Als er die Unsicherheit in den Augen seines Gegenübers sah, fügte er schnell noch hinzu: „Das war ein Scherz. Ihnen kann hier eigentlich gar nichts passieren. Das letzte Mal, dass ich einen Kursteilnehmer verloren habe, war auf der Similaungletscher-Tour 2012.“

Er riss die Augen auf und sah den Mann in dem Tarnanzug vor sich an. „Was?“

„Oh man, sie sind aber auch leichtgläubig“, kicherte der Waldpädagoge.

Er entspannte sich etwas und nickte. Zwei Tage. Was waren schon zwei Tage. Er hatte eine Ausrüstung hier, mit der ein Profi vermutlich ein Jahr aushalten könnte. Nur, er war alles andere als ein Profi.

„Sie werden sehen, in zwei Tagen sind sie ein ganz neuer Mensch. Der Wald wird ihre Lebengeister wecken.“

„Ja, ich bin sehr gespannt.“

Der Waldpädagoge tippte an seinen Hut, drehte sich um und ging in den Wald hinein.

Er blieb stehen und sah ihm nach, solange er ihn noch erkennen konnte. Dann holte er tief Luft und atmete schwer aus. Er war allein. Ganz allein. Mitten in einem ihm völlig unbekannten Wald. Sein Blick fiel auf das Zelt und die Ausrüstung, die ihm gestellt worden war. Er konnte die zwei Seiten lange Ausrüstungsliste auswendig aufsagen und doch schien es ihm plötzlich so verdammt wenig zu sein. Er wollte zur Wasserflasche greifen, doch er zog die Hand schnell wieder zurück. Lieber sparsam sein mit dem Wasser, dachte er sich. In der Nähe sollte ein Bach sein, doch bevor er ihn gefunden hatte, wollte er lieber vorsichtig sein.

Er ging in Gedanken die Ausrüstungsliste durch und überlegte, was er für die Suche des Bachs mitnehmen sollte. Er entschied sich für eine Flasche, ein Messer, ein Seil und packte alles in den Rucksack. Sein Blick schweifte noch einmal über das gesamte Lager. Er hatte kein gute Gefühl dabei, das Lager zu verlassen, doch konnte und wollte er hier nicht zwei Tage im Zelt sitzen und warten, dass die Zeit vergeht.

„Auf geht’s“, sagte er laut, um sich zu ermutigen und verließ das Lager.

Als er zu sich kam, blickte er aufwärts in das Dach des Waldes, welches aus unzähligen Baumwipfeln gebildet wurde. Das ist doch mal eine Dachbegrünung, dachte er verwirrt, bevor er bemerkte, dass er am Boden lag. Wie war er hier her gekommen?

Als er versuchte sich aufzurichten, schoss ein Schmerz durch seine Glieder. Unzählige Glühwürmchen tanzten plötzlich vor seinen Augen und dann verlor er fast erneut das Bewusstsein. Das war kein zartes Solo einer schmerzenden Stelle, sondern das fortefortissimo im Konzert eines riesigen Schmerz-Orchesters. Sein Schrei drang durch die Stille des Waldes. Nur langsam und mühevoll erholte er sich von dem Schmerz. Er versuchte seinen Körper so ruhig wie möglich zu halten, so flach wie möglich zu atmen. Er begann, obwohl er sich kaum konzentrieren konnte, seine Situation zu analysieren, um festzustellen, was eigentlich passiert war.

Nur in Bruchstücken konnte er sich noch daran erinnern, dass er den Bach gesucht und sich maßlos gefreut hatte, als er ihn entdeckt hatte. Es schien fast, als hörte er den Bach ganz in der Nähe rauschen. War er auf dem Weg zum Bach gestürzt? Das schien ihm am logischsten zu sein. Vielleicht war er in eines der Sommerlöcher getreten, vor denen ihn der Waldpädagoge gewarnt hatte. Durch die Trockenheit konnte der Boden an manchen Stellen unter Belastung stark nachgeben und in sich zusammenfallen.

Beim nächsten Versuch sich zu regen, war er vorsichtiger. Nur Stück für Stück richtete er sich unter Schmerzen etwas auf. Als er seinen rechten Fuß sah, verlor er das Bewusstsein.

Etwas tropfte ihm ins Gesicht. Als er die Augen öffnete, sah er den Regen, der im Wetterleuchten silbern auf ihn herabfiel. Die Dachbegrünung war auch noch undicht, dachte er und wunderte sich über seine Gedanken. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er immer noch hier im Wald lag, inzwischen schon halb durchnässt. Das Bild von seinem rechten Fuss kam ihm in den Sinn und ihm wurde übel. Hatte er das wirklich gesehen oder hatte er es geträumt? Er traute sich nicht, seinen rechten Fuß zu bewegen, aus Angst vor Schmerzen.

Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah den Bach friedlich neben sich vorbei fließen. Er sah kleine blaue Libellen und sich zackig bewegende Wasserläufer in der Abenddämmerung. Dämmerung? Es wurde schon dunkel. Wie lange hatte er inzwischen hier gelegen?

Er musste zu seinem Lager zurück. Aber mit dem Fuss? Wieder richtete er sich ganz langsam und mühevoll auf. Als er seinen Fuß sah, wurde ihm wieder schwarz vor Augen, er atmete tief durch. Aus der offenen Wunde blitzte der gebrochene Knochen heraus. Inzwischen hatten einige Ameisen und Fliegen die Stelle entdeckt. Er fühlte sich so hilflos. Gerade als er sich wieder zurücklehnen wollte, sah er in die Augen eines Fuchses. Auch ihn hatte vermutlich der Geruch seiner offenen Wunde angelockt.

Panik stieg in ihm auf. Der Fuchs war sicher nicht wirklich gefährlich, aber was immer er mit seinem Fuss vor hatte, würde ihm ganz sicher nicht gefallen. Er wusste nicht, wie er ihn davon abbringen sollte. Seine Hände suchten die Umgebung nach einem Stein ab. Als er einen fand warf er ihn in Richtung Fuchs. Er verfehlte ihn und bezahlte es mit einem Schmerzfeuerwerk, welches ihm den Atem nahm.

Mit Schrecken stellte er feste, dass er hier der Willkür der Natur ausgeliefert war. Er verfluchte sich dafür, dass er sich mit der Walderfahrungsexpedition, die er in der Challenge-Liste für 50-jährige gefunden hatte, ein echtes Eigentor geschossen hatte. Die ersten sieben Challenges hatte er bereits absolviert, aber diese Abenteuer drohte nun zu seiner letzten Erfahrung zu werden: challenge failed. Plötzlich hörte er eine Stimme: „Scheiße! Ich wusste, man kann sie keinen Moment hier alleine zurück lassen.“

18 Gedanken zu “abc-Etüden – Sommeretüden – Die Challenge-List

  1. Ich bin dir höchst dankbar, dass du das Ende dieses Mal nicht offengelassen hast 😉
    Mit einem offenen Bruch hätte ich mir dann doch ernsthafte Sorgen um deinen Protagonisten gemacht …
    Vielen Dank, dass du mir immer wieder zum Samstagmorgenkaffee die Samstagmorgenetüdensommerpausenintermezzolektüre lieferst! Ich bin dir sehr dankbar! 👍👍👍
    Herzliche Morgenkaffeegrüße 😁🌥️🌳🌼☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: 7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2021 | Irgendwas ist immer

  3. Hat mir echt Spaß gemacht sie zu lesen – sehr kurzweilig und besonders fand ich den Satz gut: „Gratuliere, sie haben gerade ihre von der Natur aus eingebaute Fliegenklatsche entdeckt“, der Waldpädagoge lachte herzhaft. „Die Natur hat sie nämlich mit allem notwendigen ausgestattet.“
    Denn er ist wahr! Danke für die Unterhaltung!

    Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 36.37.21 | Wortspende von Ludwig Zeidler | Irgendwas ist immer

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