abc-Etüde, Ich bin Klaus

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 16/17 des Schreibjahres 2021 stiftete Doro mit ihrer Webseite/Blog DORO|ART. Sie lauten:

Pfanne
glücklich
trennen.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Ich bin Klaus

Seit zwei Stunden ging er in der Menge umher. Er war erfahren genug, um rechtzeitig zu erkennen, an welchen Stellen die Stimmung zu kippen drohte. An welchen Stellen er die Mitläufer aktivieren und die Situation eskalieren lassen konnte. Und er war nicht allein. Er kannte zwar niemanden, der hier unterwegs war, aber das gehörte zum Auftrag.

Er vernahm aus einem vorderen Teil des Zuges Stimmen, die langsam lauter wurden. Das waren wichtige Anzeichen für ihn. Er spürte intuitiv, dass es bald soweit sein würde. Sein Gefühl trügte ihn selten. Er konnte seine Einsätze in ganz Europa schon nicht mehr zählen. Anfangs hatte er mit der Aufgabe gehadert. Er hatte regelrecht ethische Bedenken und gefährlich war der Job auch noch. Wenn die Lage wirklich eskalierte, konnte er sich nicht zu erkennen geben. Rein optisch war er nicht von den anderen zu unterscheiden. Niemand durfte wissen, dass er einen Auftrag hatte.

Nur äußerst selten war es ihm gelungen, den notwendigen Funken zu entfachen und sich dann von der entbrannten Gruppe zu trennen, um aus dem Kessel zu entkommen.

Die Stimmen im vorderen Teil wurden lauter. Er schob sich den letzten Bissen Pfannen-Brot vom Imbiss an der Ecke in den Mund und drängte sich nach vorne. Er spürte, wie das Adrenalin anstieg. Er stimmte in die Rufe ein und skandierte neue Parolen, wenn es zu ruhig wurde. Er rief, er fluchte, er schimpfte, er steckte andere Menschen mit seiner Aufgebrachtheit an.

Nein, glücklich machte ihn diese Arbeit nicht, aber dieser Kick, wenn die Stimmung auf des Messers Schneide stand, war unbeschreiblich. Inzwischen war die kleine Gruppe immer lauter und aggressiver geworden. Jetzt würde es sich entscheiden. Es fehlte nur der bekanntliche Tropfen zum Überlaufen. Er spürte wie das Blut in seinem Kopf pochte, als er auf einen Polizisten zuging und diesen kraftvoll wegstieß.


1986 sang Heinz Rudolf Kunze „Dies ist Klaus“. Ein Lied über einen Provokateur auf Demonstrationen. Ich hatte mir damals nie vorstellen können, dass es so etwas wirklich gab. Oder sollte man sagen, dass es so etwas wirklich gibt???

8 Gedanken zu “abc-Etüde, Ich bin Klaus

  1. Gibt. Es gibt immer wieder Berichte über bezahlte/angeheuerte Provokateure. Von wem, ist eine andere Frage, da muss man sich schon die Frage stellen, wem es nützt, wie in deinem Fall die Demo zu diskreditieren … 🤔😟
    Montagmorgenkaffeegrüße 😁⛅☕🥨👍

    Gefällt 4 Personen

      1. pusteblume

        Ist das wirklich so einfach. Jemand stellt eine Behauptung auf und du bekommst schon Schnappatmung? Wir wünschen uns kritischen Journalismus, wo bleibt hier die kritische Auseinandersetzung?
        Das macht es nicht besser, wenn alle selektiv auswählen. Sei es Statistik, Wissenschaftsforum oder Meinungsäußerung. Wir sollten es besser wissen.

        Gefällt 1 Person

      2. Aber wir wählen selektiv aus! Alle! Dessen sollten wir uns bewusst sein! Ich weiß nicht einmal, ob wir es besser könnten.
        Die kritische Auseinandersetzung? Du meinst, ich müsste hinterfragen, ob es so etwas wie Provokateure gibt? Ja! Sollte ich. Wenn ich es nur einmal irgendwo gehört hätte, hätte ich vermutlich nur eine kurze Gänsehaut bekommen. Aber leider gibt es mehr als nur einen Hinweis darauf. Ist das selektiv? Ja! Ist es selektiv zu glauben, dass es das nicht gibt? Ja!

        Gefällt 2 Personen

  2. Bezahlte Lacher für miese Kommödien, bezahlte Kunden für miese Restaurants, bezahlte Anmacher für miese Etablissements, bezahlte Animateure… und ja, bezahlte Provokateure, selbstverständlich. Sie können auch Mörder sein.

    Wer was das doch gleich, der Ohnesorg erschoss? .Wiki: Kurras wurde mit Hilfe von Falschaussagen und erheblichen polizeilichen Manipulationen in zwei Gerichtsverfahren freigesprochen. Nachdem 2009 seine Tätigkeit als Geheimer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit bekannt geworden war, wurde nochmals gegen ihn ermittelt. Erwiesen ist seit 2011, dass er auf Ohnesorg ohne Auftrag, unbedrängt und wahrscheinlich gezielt geschossen hatte. Eine neue Anklage für dieses Verbrechen blieb aus.

    „ohne Auftrag“ ist offensichtlich ein Märchen.

    Gefällt 5 Personen

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 | Wortspende vom Bodenlosz-Archiv | Irgendwas ist immer

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