abc-Etüde, Doppelspirale

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Diese Mal also eine Extraetüde: Von den Begriffen des abgelaufenen Monats, das sind sechs, sucht man sich fünf aus und verpackt die in einen Text von maximal 500 Wörtern.

Die Wörter im Monat Mai spendeten Nina (Das Bodenlosz-Archiv) und Bernd (Red Skies Over Paradise) Sie lauteten:

Korsett, rechtsdrehend, dampfen
Baracke, lau, widerfahren.


Doppelspirale

Die Temperatur in der kleinen Baracke ist in den letzten Stunden von einer lauen, gemütlichen Wärme zu einer kaum noch auszuhaltenden Hitze angestiegen. Der große Kessel, der über dem offenen Feuer hängt, dampft unaufhörlich und verteilt die ätherischen Öle, der in ihm kochenden Kräuter, bis in den letzten Winkel. Inzwischen ist sie, bis auf das behelfsmäßige Korsett, welches sie sich aus Weidenzweigen gebaut hat, um ihren alten, verbogenen Rücken zu stützen, nackt und dennoch schwitzt sie aus allen Poren.

Wieder und wieder ist sie die auf den Boden gemalte Figur abgelaufen. Beim ersten Mal, hat sie die Linie mit Blütenblättern bestreut, danach mit Flusskieseln. Es folgten Vogelfedern, Beeren und Knochensand. In dieser sechsten Runde verteilt sie den Sud aus dem Kessel, mit Hilfe eine großen, kupfernen Kelle Tropfen für Tropfen auf der Figur. Sie will gerade von der rechtsdrehenden, größer werdenden Spirale in die dann linksdrehende, kleiner werdende Spirale wechseln, doch schon wie bei den vorherigen Runden, schießt ihr auch dieses Mal genau beim Wechsel ein heftiger Schmerz ins Kreuz. Für einen Moment bekommt sie keine Luft.

Ein Tropfen heißer Sud fällt ihr auf den nackten Fuß. Sie zuckt zusammen, was den Schmerz im Rücken noch verstärkt. Sie schreit verzweifelt auf, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie spürt, wie ihre Kräfte schwinden. Sie versucht einen weiteren Schritt zu setzen, doch sie hat Angst zu stürzen. Sie ist sich sicher, dass sie dann nicht wieder auf die Beine kommen würde. Sie flucht und setzt ihren Weg fort. Ihre Füße schmerzen von den Kieseln und sind voll mit zertretenen, klebrigen Beeren und Vogelfedern.

Seit Tagen hat sie ihr Ende kommen sehen, aber sie will nicht wahr haben, dass ausgerechnet ihr ein irdischer Tod widerfahren soll. Sie hat alle alten Aufzeichnungen und Bücher gewälzt und schließlich den Zauber der Doppelspirale gefunden. Sieben Male sei diese zwingend abzugehen, dann würde direkt der Übergang erfolgen. Ein Übergang, doch wohin? In den Tod? In ein neues Leben? In eine andere Dimension? Sie weiß es nicht, aber sie spürt, dass dies ihre einzige Chance ist. Sie will nicht auf einen irdischen Tod warten.

Endlich hat sie die sechste Runde geschafft. Der letzte Tropfen Sud fällt auf den inneren Endpunkt der linksdrehenden Spirale. Ihr ist schwindelig und inzwischen hat sie schon viel zu viel Flüssigkeit verloren. Doch es gibt kein zurück mehr. Sie nimmt das Druidenmesser, dessen Griff am Ende auch eine kleine Spirale hat, schneidet sich tief in die Handfläche und lässt den ersten Tropfen Blut aus ihrer Faust auf die Doppelspirale tropfen. Die siebte und letzte Runde beginnt. Sie taumelt und kann die Spirale nur noch mit ihren schmerzenden Füßen ertasten. Beim Wechsel in die rechtsdrehende Spirale schießt es ihr erneut in den Rücken. Sie schreit, flucht, fleht. Sie hat es fast geschafft. Sie muss es schaffen. Schritt für Schritt tastet sie sich vor. Endlich steht sie über dem Endpunkt der rechtsdrehenden Spirale. Sie presst ihre Faust noch einmal zusammen und ein großer Blutstropfen fällt auf den Schlusspunkt der Spirale.

#writingfriday: Hexenküche

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

Aufgabe: Eine Kräuterhexe mixt einen besonderen Tee, für wen ist dieser und welche magische Wirkung hat er? Verpacke das Ganze in eine kleine Geschichte.

Hexenküche

Sie zog die Decke vor den Eingang, um ihre kleine Hexengruft zu verschließen. Mit ernstem Blick stellte Sie den Kessel auf die kleine Kochstelle, die sie von ihrer Tante zum Geburtstag bekommen hatte. Feierlich sortierte sie die Kräuter, die sie bis zum Sonnenuntergang gesammelt hatte. Sie nahm das Cape mit den leuchtenden Sternen und hängte es sich um. Es gehörte zwar zum Prinzessinnenkostüm, aber sie fand, dass es jetzt absolut passend war.

Sie nahm einen tiefen Atemzug und goss etwas Wasser aus ihrer Plastikkaffeekanne in den Kessel. Dann ergriff sie das erste Kraut. Es hatte einen feinen Flaum am Stängel und lila Blüten, deren Kelche bedeutungsschwer herunterhingen. Konzentriert zupfte sie die Kelchblätter ab und streute sie hinein. 

Auch das zweite Kraut hatte einen Flaum an Blättern und Stängel. Die sternförmige Blüte hatte neben den blauen Blättern auch kleine schwarze Blätter. Sie durfte nur die schwarzen verwenden. Ein einziges blaues Blatt und der Sud wäre dahin gewesen. Mit größter Sorgfalt zupfte sie von drei Blüten die schwarzen Blütenblätter ab, warf einen Blick in den Kessel und nickte zufrieden.

Sie wartete einen Moment, bevor sie von zwei weiteren Kräutern die Blätter in kleine Stücke riss und dem Sud zufügte. Mit dem alten, schon völlig abgewetzten Holzlöffel von ihrer Mutter wurde der Trank umgerührt. Lächelnd warf sie anschließend noch zwei bereits aufgegangene Pusteblumen hinein.

Die zwei wichtigsten Zutaten fehlten noch. Mit den Fingerspitzen nahm sie die beiden Blätter, die mit Schneckenschleim benetzt waren. Vorsichtig roch sie daran. Obwohl sie keinen Geruch wahrnehmen konnte, verzog sie das Gesicht. Sie schmiss die Blätter regelrecht in den Kessel. 

Jetzt fehlten nur noch die Algen, die sie aus dem kleinen Teich gefischt hatte. Sie waren glitschig und rochen muffig. „Schmecken wird das nicht“, sagte sie vor sich hin und ließ die Algen mit einem angewiderten Gesichtsausdruck hineinfallen. Ihr Blick fiel auf ihren Patienten, während sie gewissenhaft ihren Sud umrührte.

Sie atmete noch einmal tief ein und pustete langsam und lange die Luft aus. Dann ergriff sie einen Löffel, nahm etwas Sud und ging zu ihrem Patienten. Behutsam, ja geradezu liebevoll tropfte sie ihm den Sud auf den Mund. Ein paar Tropfen würden reichen, da war sie sich sicher. 

Sie ging einen Schritt zurück und betrachtete ihren Patienten. Ihr ganzer Körper stand nun unter Spannung. Nun würde sich zeigen, was für eine Hexe sie war. Sie ballte die Fäuste und rief: „Los Teddy, steh auf!“