#Improvisationsgeschichte

(Fast) Jeden Mittwoch veröffentliche ich einen Teil der Improvisationsgeschichte, die in einer offenen Situation endet. Bis zum darauffolgenden Samstag haben alle Lesenden die Möglichkeit, sich mit Ideen und oder einer Spende von einem Wort, an der Geschichte zu beteiligen.

Das aktuelle Kapitel findet ihr auf der Startseite.

Es darf jede* jederzeit mitmachen!

Ich gebe immer an, von dem die Wortspenden gekommen sind. Wer hier nicht verlinkt werden möchte, möge mir dies bitte mitteilen.

Ich freue mich über zahlreiche Ideen und Wortspenden.

Ich habe keine Geschichte im Kopf, alles entsteht erst, wenn ich die Ideen und Wortspenden zusammentrage.

Hier findet Ihr die Geschichte in voller Länge und in der richtigen Reihenfolge.


Teil 1:

Wie fast jeden Morgen erreichte er den Regionalbahnhof mit seinem Fahrrad genau in dem Moment, in dem sein Zug auf dem Bahnsteig angekündigt wurde. Er hatte inzwischen eine solche Routine entwickelt, dass er sich davon nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er schloss mit geübtem Handgriff sein Fahrrad an, nahm seine Tasche und stieg die Stufen zum Bahnsteig hinauf. Es war inzwischen Anfang Oktober und bereits recht dunkel um viertel nach sechs am Morgen. Er war diesen Weg in den letzten Jahren schon so oft gegangen, er würde ihn, von seiner Haustür bis hierher, sogar mit geschlossenen Augen schaffen.

Seine Routine bekam gerade jedoch langsam kleine Risse. Irgendetwas schien anders zu sein als sonst. Vom Bahnsteig kamen Geräusche, die ungewöhnlich waren. Um diese Zeit dürften dort nur ein paar Schritte und ein paar leise Wortfetzen zu hören sein, doch ihm kam ein lautes mechanisches Schnaufen entgegen.

Als er oben auf dem Bahnsteig ankam, stand bereits ein Regionalzug dort. Der Bahnsteig selbst war menschenleer. Er sah auf die Uhr. Sein eigentlicher Zug sollte erst in vier Minuten ankommen. War sein Zug zu früh eingefahren? Ganze fünf Minuten zu früh? Aber da kein Mensch auf dem Bahnsteig war, sah es so aus, als seien alle in den Zug gestiegen. An normalen Tagen hätten hier zwanzig bis dreißig Menschen mit ihm auf den Zug gewartet.

Die Anzeigentafel kündigte weiterhin die Abfahrt seines Zuges in nun noch drei Minuten an. Am Zug selbst stand kein Fahrtziel dran, die Anzeige war scheinbar ausgefallen. Unschlüssig stand er vor der Tür. Er sah immer wieder den Bahnsteig entlang. Von links nach rechts und wieder nach links. Dann kam das Zurückbleibensignal. Was tun? Sollte er noch in den Zug hineinspringen?


Teil 2:

Wortspenden: Rätsel, Überraschung, Kopfkino, unbekannt, Aktenkoffer, Hagebuttentee, Lichtblicke

Er betrat den Wagon, schaute sich zögerlich um und näherte sich einem Vierersitz. Er konnte niemanden sehen und doch hinderte ihn irgendwas daran, sich dort hinzusetzen. Die Plätze fühlten sich seltsam belegt an. Er suchte sich einen Platz dahinter. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Boden vibrierte. Irgendwo klapperte etwas. Irgendetwas stimmte hier so ganz und gar nicht, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Verzweifelt suchte er nach Hinweisen, doch das Rätsel schien mit jedem Meter Schiene nur noch größer zu werden.

Für einen Moment flimmerte alles vor seinen Augen. Es schien als könnte er plötzlich Stimmen von Fahrgästen hören, doch dann verstummte alles wieder. Zurück blieb nur das Klappern und das Geräusch der Bahnschwellen.

Der Zug fuhr haltlos am ersten Bahnhof vorbei. Er bemerkte, dass das für ihn keine Überraschung war. In seinem Kopfkino hatte er sich mit dem Zug bereits bis zum Ende der Welt durchfahren sehen.

Auch beim zweiten Bahnhof, der völlig verwaist aussah, fuhr der Zug unvermindert durch. Erst am Hauptbahnhof, unterer Bahnsteig, hielt der Zug. Er stieg aus. Als einziger. Niemand war zu sehen. Sein Blick scannte die Bahnsteige, doch er nirgends einen Mensch erblicken.

Er nahm die Rolltreppe nach oben, die obwohl niemand sie benutzte, kontinuierlich aufwärts fuhr. Ein Lichtblitz flammte auf. Es flimmerte heftig vor seinen Augen. Ihm wurde schwindelig. Er hielt sich am Geländer fest, als plötzlich der Bahnhof wieder voller Menschen war. Aus der erschreckenden Stille wurde ein ohrenbetäubender Lärm. Ein unbekannter Mann rannte an ihm vorbei und stieß ihm von hinten den Aktenkoffer in die Kniekehle. Er sackte schmerzverzerrt zusammen und dann…

Stille.

Das ganze Leben, das eben noch für einen Sekundenbruchteil um ihn herum getobt war, war wieder verschwunden. Er stand schmerzverzerrt an der Rolltreppe und blickte erneut durch den menschenleeren Bahnhof. Nichts als Leere. Er kam sich einsam und allein vor. So einsam, wie damals, als er ins Schullandheim musste. Sofort hatte er wieder den Geschmack von Hagenbuttentee im Mund. Selbst drei Jahre Therapie hatten, trotz einiger Lichtblicke in Bezug auf seinen Umgang mit Menschen, dieses Kindheitstrauma nicht auslöschen können. Ihm wurde übel.

Doch Moment, rief da nicht jemand? Hatte er nicht gerade eine Stimme vernommen? …


Teil 3:

Wortspenden: flimmern, Verlockung, Presseausweis, Trillerpfeife, schlängeln

Er sah sich um. Sein Knie schmerzte, sein Atem raste. Da war doch etwas. Seine Augen suchten vergeblich die unendlich langen Wege entlang der zwar offenen, aber menschenleeren Geschäfte ab. Er suchte verzweifelt nach einer Bewegung. Seine Ohren versuchten, alles aufzufangen, was an Geräuschen in der Luft lag. Da war doch etwas gewesen. Doch er hörte nur noch die leer laufenden Rolltreppen, das Surren der beleuchteten Werbeplakate, wenn sie zur nächsten Werbung rollten, und ein sanftes Grundrauschen, das vermutlich von einer Lüftung verursacht wurde. War da nicht doch etwas? Es war, als flimmerte etwas in seinen Ohren, doch was, es klang wie eine Stimme. Er humpelte an den ersten Imbissen vorbei. Es roch nach altem Fett, Fisch und Pommes. Alles wie immer. Nur alles menschenleer. Er betrachtete die herumliegenden Speisen. Unter normalen Umständen wäre dies eine echte Verlockung gewesen. Er hätte sich nach Herzenslust bedienen können, doch ihm war immer noch schlecht und der traumatische Geschmack nach Hagebuttentee hatte sich eher noch verstärkt.

Er schleppte sich weiter. Sein Knie begann sich etwas zu erholen.

Ein Schatten. Da war ein Schatten, dachte er sich und blieb stehen. Im Augenwinkel konnte er eine kleine Gestalt wahrnehmen. Noch undeutlich, aber unter diesen Umständen dennoch sehr präsent. Er hielt den Atem an.

„Wer bist du?“, fragte ihn eine Stimme plötzlich. Er zuckte so sehr zusammen, dass er fast zu Boden gefallen wäre. Er sah nach links und entdeckte zwischen den zwei Geschäften einen Jungen. Vielleicht zwölf oder vierzehn Jahre alt, schlank, dreckig, vorsichtig. Der Junge sah ihn mit großen Augen an.

„Wer bist du?“ fragte der Junge mit einer nun deutlich fordernderen Stimme.

„Wer bist du? Und was ist hier geschehen?“, fragte er mit einem verzweifelten Unterton.

„Ich bin Aaron“, sagte er Junge und hielt ihm einen Ausweis entgegen. „Ich bin hier der Sicherheitschef.“

Er schüttelte seinen Kopf. Der Ausweis war ein Presseausweis, der auf den Namen Aaron Rogers ausgestellt war. Washington Post. Das Foto auf dem Ausweis zeigte einen älteren, fülligen, schwarzen Mann mit grauen Haaren. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

„Was ist hier los, Aaron?“

„Du dürftest gar nicht hier sein“, sagte Aaron und griff in seine Tasche.

„Was soll das heißen?“

„Ich schicke Dich zurück. Komm nie wieder her!“ schrie Aaron und pustete kräftig in die Trillerpfeife, die er nun in seiner Hand hielt. Der schrille Ton zerriss ihm fast die Trommelfelle und plötzlich war der Bahnhof wieder voller Menschen. Eine Gruppe Reisender mit ihren Rollkoffern zog geräuschvoll zwischen ihm und Aaron vorbei und er musste mit ansehen, wie der Junge sich durch die Gruppe hindurch schlängelte und in der Menschenmenge verschwand. Ihm war zu schwindelig und sein Knie schmerzte noch zu sehr, als dass er ihm hätte folgen können. Fassungslos lehnte er sich an ein Geländer, schloss die Augen und überließ sich dem Lärm des Bahnhofs. Er wollte nur noch nach Hause.


Teil 4:

Wortspenden: Zeitalter, Desinfektionsmittelspender, Marzipanschwein, Toast, Segelboot, Irrweg

Unsicher sah er sich um. Es erstaunte ihn, dass ihn hier nicht alle anstarrten, nach dem was er gerade erlebt hatte, aber offensichtlich schien niemand etwas bemerkt zu haben. Aaron hatte sich förmlich in Luft aufgelöst und langsam zweifelte er selbst schon an seinen Erinnerungen, wenn nicht immer noch der Schmerz in seinem Knie ihn daran erinnern würde.

Noch immer im Bahnhof an das Geländer gelehnt, rief er im Büro an und meldete sich krank. Der Gedanke an seine Arbeit kam ihm gerade vor, als käme er aus einem anderen Zeitalter. Nein, er wollte nur noch nach Hause. Er atmete tief ein und wollte gerade losgehen, als er über einen Desinfektionsmittelspender stolperte, die inzwischen überall im Bahnhof herumstanden. Er hatte ihn nicht gesehen und schlug der Länge nach auf den Boden. Als er den Kopf hob, war der Bahnhof wieder menschenleer.

„Oh nein, nicht schon wieder“, sagte er und sah sich panisch um. Aaron hatte gesagt, er solle nicht wiederkommen. Auch wenn Aaron nur ein Teenager war, so war ihm doch unmissverständlich klar, dass mit Aaron nicht gut Kirschen essen war, wenn man sich nicht an seine Anweisungen hielt. Immerhin glaubte Aaron, warum auch immer, dass er hier der Sicherheitschef war. Vorsichtig richtete er sich auf. Diesmal schien alles an ihm heil geblieben zu sein. Sein Blick suchte die endlosen Passagen ab, die ohne die Besucher, Kunden und Mitarbeitende aussahen, als wären Sie einem Bild von René Magritte entsprungen. Hatte er dort auf dem obersten Bahnsteig gerade eine Bewegung gesehen? Oder dort im 1. Stockwerk? Oder bildete er sich das alles hier nur ein? Langsam ging er die Passage entlang. Er überlegte, ob er Aaron rufen sollte, aber er wollte ihn nicht provozieren. Doch wie sollte er ohne Aaron zurück in seine … seine ja was? In seine Dimension? In seine Zeit? In seine Welt kommen?

Er kam an einem Süßwarengeschäft vorbei, welches in der Auslage die ersten Marzipanschweine nach dem Sommer platziert hatte. Ein gewaltiger Hunger meldete sich aus seinem Bauch mit eine lauten Knurren. An normalen Tagen würde er um diese Zeit im Büro seinen ersten Kaffee trinken und seine erste Scheibe Brot essen. Er betrat den Laden. Ein Gong erklang, doch niemand kam. Er ging an das Schaufenster, steckte sich zwei kleine Schweinchen in seine Jackentasche und brach von dem großen Ausstellungsschwein ein Ohr ab. Irgendwie hatte es schon auch etwas Aufregendes, so ohne Menschen durch diesen Bahnhof zu gehen. Er schaute aus dem Laden heraus in den Bahnhof und sah auf der gegenüberliegenden Passage Aaron stehen und er war nicht allein. Sie waren zu dritt. Jetzt, wo er ohnehin entdeckt war, könnte er auch mit ihm reden. Er humpelte zur Tür und rief nach ihm, dabei sah er noch, wie die drei auseinander liefen und aus seinem Blickfeld verschwanden.

„Aaron!“, rief er laut und es hallte durch den leeren Bahnhof. Der Hall schien sich geradezu endlos in den Passagen und auf den Rolltreppen zu verfangen. „Aaron!“ Doch keine Reaktion.

„Hey Toastbrot, du solltest doch nicht wiederkommen“, hörte er plötzlich hinter sich eine Stimme. Noch ehe er sich umdrehen konnte, drang der schrille Klang einer Trillerpfeife in sein Ohr und im nächsten Bruchteil einer Sekunde war der Bahnhof wieder voller Menschen. Er älterer Mann mit dickem Bauch, einem grauen Bart und einer Kapitänsmütze, stand plötzlich vor ihm und hätte ihm um ein Haar umgerannt. „Passen Sie doch auf“ brummte der merkwürdige Kapitän und schob sich an ihm vorbei. Er sah ihm nach und auf dem Rücken der Regenjacke leuchtete das Bild eines Segelboots mit der Unterschrift: Bootsverleih Aaron. Er schüttelte fassungslos den Kopf. Was war hier bloß los. Er ging zwei Schritte zurück, um dem Menschenstrom auszuweichen.

Irgendwie hatte ihn die Neugier gepackt. Er wollte wissen, was es mit Aaron und all dem auf sich hatte. Er schaute die Passage entlang und entdeckte nur ein paar Schritte entfernt einen Desinfektionsmittelspender. Er fragte sich, ob er wieder in die Welt von Aaron kommen würde, wenn er, dieses Mal absichtlich darüber stolpern würde, oder ob dieser Gedanke ein Irrweg war. Er ging direkt auf den Spender zu, rannte ihn um und fiel erneut zu Boden.


Teil 5:

Wortspenden: Erschütterung, mitfühlen, Einkaufskorb, Bauchschmerzen, Zahlungsschwierigkeiten, Erkenntnis, verwaister Blumentopf, taufrisch, König

Er landete hart und unsanft auf dem Betonboden, doch der Lärm verschwand nicht. Er spürte die Erschütterung durch den Aufschlag noch immer. Eine Schmerzwelle durchzog ihn, doch dieses Mal war er nicht in der Welt von Aaron gelandet. Er sah sich um. Die Passanten eilten wenig mitfühlend mit einem gefallenen Mann, ja sogar geradezu ignorierend an ihm vorbei. Niemand half ihm. Als er sich aufrichtete, hörte er so etwas wie: „Ich glaube, er war das.“

Er drehte den Kopf und sah in der Tür zum Süßwarengeschäft eine Frau mit einem Einkaufskorb in der Ellenbeuge, die direkt auf ihn zeigte. Sofort erschien neben ihr eine Verkäuferin. Ihm fielen die Marzipanschweinchen in seiner Jackentasche und das abgebrochene Ohr ein. Er sah das abgebrochene und angebissene Schweineohr einen halben Meter vor ihm liegen. Das Marzipan in seinem Magen verursachte bei ihm aus lauter Scham sofort Bauchschmerzen. Das würde Ärger geben. Sicher, er hätte die Sachen einfach bezahlen können, schließlich war er nicht in Zahlungsschwierigkeiten, dafür um so mehr in Erklärungsnöten.

Er stand auf und lief davon. Er hörte die Schritte der Verkäuferin hinter sich. Er kam sich vor wie ein Dieb und irgendwie war er das ja plötzlich auch. Er drängte sich durch die Menge, aber er kam nicht gut voran. „Halten Sie den Mann“, rief eine Stimme hinter ihm. Langsam wuchs in ihm die Erkenntnis, dass er in große Schwierigkeiten hinein schlitterte. Er bog ab, zum noch nicht eröffneten U-Bahnhof. Das schien eine Sackgasse zu sein, aber er sah keinen anderen Ausweg. Er kletterte über ein Absperrband, verlor das Gleichgewicht und fiel erneut zu Boden.

Stille.

Was immer auch geschehen war, er war zurück. Zumindest hoffte er das. Den Gedanken, dass es vielleicht noch mehr Welten oder Dimensionen geben könnte, versuchte er sofort wieder zu verdrängen.

Er stand auf und sah sich um. Der leere und abgesperrte U-Bahnhof sah gespenstisch aus. Die einzige Bewegung, die wahrzunehmen war, war ein leicht flatterndes Absperrband. Er stand noch am Fuß der Treppe und schaute von oben herunter. Auf einer der Sitzbänke stand ein verwaister Blumentopf und die Blume darin schien auch nicht mehr taufrisch zu sein. Dennoch wirkte es irgendwie heimelig. Er entdeckte auf der Bank auch so etwas wie eine Decke. Es wirkte fast so, als versuche jemand aus der kalten Bank ein gemütliches Sofa machen zu wollen. In dieser fast sterilen und betonlastigen Umgebung wirkte dieses Kleinod, wie eine surreale Insel in einem großstädtischen Meer.

Er hörte Schritte, doch dieses mal blieb er ganz ruhig. Er musste mit Aaron reden. Er wollte wissen, was hier passierte. Ein kleiner Junge, vielleicht acht oder neun Jahre alt, mit dunkler Hautfarbe und in pinkfarbenen Sportklamotten kam auf ihn zu.

„Hey Toastbrot, was machst Du schon wieder hier?“

Die Stimme kannte er doch. Dieser Junge war es also, der ihn beim letzten Mal zurück geschickt hatte. Der Junge griff in seine Tasche und holte die Trillerpfeife heraus.

„Nein warte. Bitte schick mich nicht sofort zurück. Ich habe so viele Fragen.“

Der Junge sah ihn streng an. „Der König mag keine Fragen“, sagte er nachdenklich und hob die Pfeife an.

„Der König?“ fragte er erstaunt. „Nein bitte nicht. Lass mich mit ihm reden, bitte“, flehte er den Jungen fast an.


Teil 6:

Wortspenden: Geschenk, Antworten auf seine Fragen, Alphorn, Demokratie, schnarchen, Prüfung, Computerpanne, Bullerbü, Zigarre, erleichtert

„Der König?“ fragte er erstaunt. „Nein bitte nicht. Lass mich mit ihm reden, bitte“, flehte er den Jungen fast an.

Der Junge sah ihn streng und prüfend an.

„Bitte“ sagte er flehend. „Ich …“ Er überlegte ernsthaft, womit er ihn überzeugen könnte. „Ich habe ein Geschenk für ihn.“

Der Junge zuckte zusammen. Das schien Wirkung gezeigt zu haben. Der Junge schloss für einen Moment die Augen, dann sah er ihn wieder an und sagte: „Der König liebt Geschenke. Ich hoffe für Dich, dass es ihm gefällt!“

Der Junge drehte sich um und er begann ihm zu folgen. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Was hatte er sich nur dabei gedacht. Ein Geschenk. Wo sollte er denn jetzt ein Geschenk herbekommen? „Egal“ dachte er sich. Er wollte endlich ein paar Antworten auf seine Fragen und wer könnte sie ihm wohl besser geben als der König.

„Der letzte Besucher hatte wenig Glück mit seinem Geschenk.“

„Was hatte er dem König denn geschenkt“ fragte er.

„Ein Alphorn.“

„Ein was?“

„Ja, so hat der König auch reagiert. Du willst lieber nicht wissen, was er daraufhin mit ihm gemacht hat“, sagte der Junge ernst.

Ihm wurde etwas mulmig. Einem König gegenüber zu treten, war keine Kleinigkeit, selbst wenn es sich dabei um ein Kind handeln sollte. Er musste einen Moment schmunzeln, als er erkannte, dass er nichts anderes als einen König hier erwartet hatte. Welche Kinder würden, wenn sie ihre Organisation selbst bestimmen könnten, sich eine komplizierte Demokratie aussuchen?

Sie gingen die Passage entlang, vorbei an den offenen und menschenleeren Geschäften. Vorbei an dem Süßwarengeschäft, ohne die Verkäuferin, vor der er gerade geflohen war.

„Wie heißt du“, fragte er den Jungen, als sie die Rolltreppe ins Tiefgeschoss betraten.

„Hans“ sagt dieser knapp. „Und du?“

„Hendrik. Hendrik Leinweber. Wie lange bist du schon hier?“

„Ach seit einem Jahr oder so“, sagte Hans und winkte ab. „Genau weiß ich es gar nicht mehr.“

Sie waren nun am Ende des unteren Bahnsteigs angekommen. Hans schob sich an der eher optisch gemeinten Absperrung vorbei und ging direkt in den Eisenbahntunnel. Hendrik schluckte.

„Ist es noch weit?“ Er hatte Angst. Was, wenn ein Zug käme? Irgendwelche Züge fuhren ja noch. Einer hatte ihn schließlich hierher gebracht.

„Nein nein“, beruhigte ihn Hans und öffnete keine zehn Meter nach dem Tunneleingang eine Tür. Hendrik folgte ihm. Sie gingen durch mehrere Gänge und Türen. Sie bogen mal links und mal rechts ab, so dass er völlig die Orientierung verlor. Schließlich kamen sie an eine Tür vor der zwei Jungen lagen und schliefen. Einer von ihnen schnarchte ein wenig.

„Hey ihr Schlafmützen, nennt ihr das Wache schieben?“, schrie Hans laut. Die beiden Jungs schrieen vor Schreck, rappelten sich schnell auf und nahmen eine fast militärische Haltung an.

„Wer ist das“, fragte einer von beiden.

„Geht euch nix an, lasst uns zum König“, sagte Hans streng.

„Du kennst die Regeln“, sagte die andere Wache. „Erst die Prüfung der Parole!“

Hans senkte den Kopf und schüttelte ihn leicht. „Hase“, sagte er leise und fast etwas beschämt. Die Wachen nickten und öffneten die Tür.

Hans ging hinein und Hendrik folgte ihm in eine große unterirdische Halle. Vermutlich war das hier als Lager oder Reparaturhalle gedacht, doch jetzt war es der Thronsaal des Königs. Hendrik traute seinen Augen nicht. Der riesige Raum war vollgestopft mit allem, was funkelte und blinkte. Überall war Spielzeug verteilt, lagen Stofftiere herum, blinkten Lichterketten oder irgendwelche Monitore. Das ganze wirkte so hektisch, als hätte eine Computerpanne einen Großalarm ausgelöst und sämtliche Warnlämpchen gleichzeitig aktiviert. Am Boden schien ein ganzes Heer von Staubsaugerrobotern, sich gegenseitig zu jagen. Wer immer hier lebte, hatte alles was, ihm in den Läden des Bahnhofs gefiel, über die Zeit hier her geschafft und so ihr eigenes Paradies geschaffen. Am Ende des Saals stand ein großer Sessel, in dem ein Junge saß, der ihn argwöhnisch anschaute. Irgendwie war er erleichtert, dass der König tatsächlich ein Kind war.

Sie näherten sich dem Thron, vorbei an der Spielzeugkulisse. Hendrik sah den Jungen umrahmt von Lichtern in allen Farben an und dachte sich: „Das ist der König von Bullerbü.“

„Warum bringst du den Fremden mit“, fragte der König.

„Er hat gesagt, er hat ein Geschenk für dich, mein König.“

„Ein Geschenk?“ Der König sah Hendrik erstaunt an. „Solche Gäste sind mir die liebsten“ sagte der König. „So nehme er Platz!“ Er klatschte in die Hände.

Ein Mädchen kam mit einer Schachtel und hielt sie Hendrik entgegen.

Zigarre?“ fragte ihn der König. Hendrik schluckte. Er rauchte nicht. Er hatte noch nie im Leben geraucht, aber er konnte jetzt schlecht nein sagen. Das Mädchen öffnete die Kiste und er griff hinein. Erleichtert stellte er fest, dass die Zigarren aus Marzipan waren. Er atmete tief aus.

„Nun? Was hat er mit mitgebracht?“ fragte der König.

Jetzt musste ihm dringend etwas einfallen.


Teil 7:

Wortspenden: Geschichte, Freund, Macht, Umarmung, Stolperstein, unsichtbar, Zaubertrick, endoplasmatisches Retikulum,

Hendrik schluckte. Jetzt galt es zu improvisieren.

„Nun verehrter König, ich habe sogar zwei Geschenke.“

„Gleich zwei. Hört, hört.“

„Lasst mich mit dem ersten beginnen. Mein erstes Geschenk ist eine Geschichte.“

Der König verzog etwas das Gesicht. Sofort begann Hendrik damit, das Märchen von des Königs neue Kleider zu erzählen. Die Miene des Königs entspannte sich schnell wieder. Hendrik versuchte dabei ein paar Gegebenheiten des hiesigen Königreichs mit einzubauen.

Am Ende des Märchens schloss Hendrik mit: „Wenn der König einen guten Berater, einen echten Freund gehabt hätte, dann wäre es wohl sicher nie soweit gekommen, wie in der Geschichte.“ Er macht eine kleine Pause und sah, wie die Neugier im König aufstieg. Er genoss diesen kleinen Moment der Macht. „Und so wären wir nun beim zweiten Geschenk, verehrter König.“ Die Augen des Königs wurden immer größer. Hendrik zögerte den Moment so lange hinaus, wie er konnte. „Ich biete euch meine Dienste als Berater, ja mehr noch, ich biete euch meine Freundschaft an.“

Plötzlich war es still in der Halle. Alle Augen waren auf den König gerichtet. Dieser zögerte etwas, stand auf und ging langsam auf Hendrik zu. Er sah ihn sehr prüfend an.

„Sei willkommen mein Freund“, sagte der König. Im nächsten Moment spürte Hendrik eine sehr feste, geradezu klammernde Umarmung.

Kurz darauf saß er mit dem König gemeinsam an einem Tisch, der gedeckt war mit allen Süßigkeiten und Fastfood Dingen, die der Bahnhof hergab. Hendrik war froh, dass er den selbstgelegten Stolperstein des Geschenks so gut übersprungen hatte. Er fühlte jedoch eine deutliche Unsicherheit, weil er nicht ganz nachvollziehen konnte, warum sich der König so direkt auf das Freundschaftsangebot eingelassen hatte. Da musste es noch irgendetwas geben, ein unsichtbares Etwas.

„Ich könnte wirklich einen Freund gebrauchen. Es ist nicht einfach König zu sein und zu bleiben.“

„Wie bist du denn König geworden?“

„Es gibt alle drei Monate eine Wahl. Alle Bewerber treten auf eine Bühne und zeigen etwas. Der oder die Beste wird dann König oder Königin für die nächsten drei Monate.“

Hendrik wunderte sich, dass er die Geschichte für selbstverständlich hielt. Warum sollte man sich in Zeiten von Instagram, TikTok und das Supertalent, so etwas wie ein kompliziertes Wahlsystem ausdenken? Eine Bühnenshow schien geradezu wie für eine Königswahl gemacht zu sein. „Und womit seid ihr auf die Bühne gegangen?“

„Ich habe einen Zaubertrick gezeigt. Leider kann ich nur den einen. Wenn nächste Woche die neue Wahl ansteht, werde ich wohl keine Chance haben.“

Jetzt verstand Hendrik, warum sich der König auf seine Freundschaft eingelassen hatte. Er würde seine Hilfe brauchen, um erneut zum König gewählt zu werden.

„Aber jetzt“, sagte der König voller Zuversicht. „Wirst du mir ja helfen.“

Hendrik schluckte und versuchte das Thema zu wechseln: „Wo sind wir denn hier? Ich meine, das hier ist der Berliner Hauptbahnhof und er ist es nicht.“

„Wir sind quasi unter der Oberfläche“, sagte der König. „Komm, ich möchte dir etwas zeigen. Wir wissen nicht, wie es angefangen hat“, sagte der König. „Oder wer als erster hier angekommen ist. Das Wissen um diese Welt unter der Oberfläche scheint schon alt zu sein und irgendwie den Menschen auch bewusst.“

„Wie kommst du darauf, dass wir davon wissen?“

Nach einem kurzen Spaziergang standen sie vor einer unscheinbaren Metalltür über der ein Schild angebracht war, auf dem in buntesten Farben: „Endoplasmatisches Retikulum“ stand.

„Was ist das?“, fragte Hendrik erstaunt.

„Wir haben ein geheimes Röhrensystem entdeckt, dass alle Bahnhöfe der Welt miteinander verbindet. Deshalb glauben wir auch, dass das Wissen über dieses Tunnelsystem bekannt sein muss, denn scheinbar ist wirklich jeder Bahnhof erreichbar. Ich habe keine Ahnung, was das da heißt“, sagte der König und zeigte auf das Schild. „Aber wir haben das über mehreren Zugängen zum Tunnelsystem entdeckt und deshalb nennen wir es so. Das heißt, eigentlich nennen wir es EnTi.“

Der König öffnete die Tür. Dahinter war das absolute Schwarz. Kein Licht schien hineindringen zu können.

„Wo geht es da hin?“, fragte Hendik.

„Wohin du willst“, sagte der König. „Komm, ich zeige es dir.“

Er nahm Hendrik an die Hand und ging mit ihm durch die Tür.


Teil 8:

Wortspenden: ungewiss, Hypnose, Galgen, Tsunami, Bügelbrett, Ausrüstung, Traumzauberbaum, Springinsfeld

Er nahm Hendrik an die Hand und ging mit ihm durch die Tür.

Einen Wimpernschlag später standen sie vor genau so einem grauen Gang wie jenem, den sie gerade durchschritten hatten. Doch irgendetwas war anders.

„Wo sind wir?“, fragte Hendrik.

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte der König und ging los.

„Wie meinte du das: du bist dir nicht sicher?“

„Nun, meistens kommt man dort an, wo man hin will. Aber wo man tatsächlich landet, ist ungewiss.“

„Und wie kommen wir wieder zurück?“, fragte Hendrik unsicher.

Der König zuckte mit den Schultern und sagte: „Das hat bisher immer geklappt.“

„Ich weiß nicht, ob ich das beruhigend finde“, murmelte Hendrik vor sich hin.

Nach zwei Gängen und der dritten Tür traten sie plötzlich in eine riesige Bahnhofshalle ein. Das nach oben gewölbte Dach hatte in der Mitte eine Fensterreihe und wurde durch die eindringenden Sonnenstrahlen geradezu von Licht durchflutet.

Hendrik sah sich um. Alle Beschilderungen und Hinweise waren in englisch. Er sah den König an. Dieser nickte.

„Sidney“, sagte er lächelnd.

„Was?“ Hendrik spürte, wie ihm leicht schwindelig wurde.

„Ich war schon oft hier. Das ist der Bahnhof von Sydney.“

Der König ging in Richtung Ausgang und Hendrik folgte ihm wie unter Hypnose. Er war zu benommen, um auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Als sie auf den Platz vor den Bahnhof traten, sahen sie eine große Menschenmenge, die um eine Bühne herumstand. Auf der Bühne waren 20 Galgen aufgestellt. Hendrik bekam eine Gänsehaut.

„Was geschieht hier?“, fragte er den König, doch dieser zuckte mit den Schultern.

20 Personen, alle so um die 30 Jahre alt, wurden auf die Bühne geführt und bekamen den Galgenstrick umgelegt. Die Menge war unruhig aber ungewöhnlich leise.

„Das sind die 30 jährigen. Wir machen das hier schon immer so“, sagte ein Mädchen, das plötzlich neben dem König auftauchte.

„Was haben sie verbrochen?“, fragte der König.

„Sie sind 30 geworden“, sagte das Mädchen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dabei sah es Hendrik prüfend an.

„Äh, ich bin 29“, sagt er schnell und hoffte, dass sie die verschwiegenen dreizehn Jahre nicht bemerken würde. Sie nickte.

„Ich bin Finn“, sagte der König und sah das Mädchen an.

„Ich bin Tsunami“, sagte sie lächelnd, als die Klappen unter den Galgen aufgingen und die Hinrichtung vollzogen wurde. Die Menge beobachtete das Ganze ruhig und ehrfurchtsvoll.

„Werden alle 30 jährigen …“, fragte Hendrik vorsichtig.

„Äh, natürlich“, sagte Tsunami. „Das ist doch seit 2047 Gesetz.“

„2047! Wir sind in der Zukunft“, dachte sich Hendrik und zuckte erschrocken zusammen.

„Das weißt du doch“, sagte der König vorwurfsvoll und stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen. Hendrik zuckte zusammen und nickte.

„Ihr seid irgendwie lustig!“ Sie stellte den Gegenstand, den sie unter dem Arm getragen hatte, auf den Boden.

„Was machst du mit dem Bügelbrett“, fragte Hendrik und zeigte auf den Gegenstand. Der König verpasste ihm gleich noch einen Hieb mit dem Ellenbogen.

Sie lachte. „Das ist ein Flashboard. Das gehört zu meiner Ausrüstung als Helferin im Bahnhof. Kennt ihr sowas nicht?“

„Nein“, sagte der König. „Was machst du damit?“

„Fliegen“, sagte sie lachend. Sie warf es zu Boden, doch es blieb ein Stück über dem Boden in der Luft hängen. Sie stieg darauf und bewegte sich, wie auf einem Skateboard, nur dass sie dabei schwebte.

„Das Ding muss ich haben“, sagte der König.

„Was? Was soll das?“, fragte Hendrik.

„Wenn ich das Zuhause zeige und sage, es wurde aus einem Traumzauberbaum geschnitzt und kann deshalb fliegen, dann werde ich sicher wieder zum König gewählt werden.“

„Das ist keine gute Idee. Wir sollten langsam verschwinden“, sagte Hendrik.

Der König lächelte. Doch dann schubste er das Mädchen vom Bügelbrett, nahm es an sich und rannte in den Bahnhof hinein. Noch bevor er wusste, wie ihm geschah, rannte Hendrik ihm nach. Sie stürmten auf die kleine unscheinbare Tür zu, durch die sie gekommen waren. Doch Tsunami war ihnen dicht auf den Fersen.

„Bleibt stehen ihr Diebe“, rief sie laut.

Der König riss die Tür auf. Hendrik betete insgeheim, dass der König wusste, durch welche Gänge und Türen sie jetzt mussten. Tsunami kam immer näher. Endlich waren sie an der richtigen Tür. Über der Tür stand: Endoplasmatisches Retikulum. Der König riss sie auf. Während Hendrik sich noch fragte, ob es dafür keinen englischen Begriff gab, sprangen sie in das dichte Schwarz.

Tsunami sah, wie die beiden im Schwarz der Tür verschwanden. Sie zögerte keine Sekunde. Sie war schon immer ein Springinsfeld gewesen und sprang einfach hinterher.


Teil 9:

Wortspende: Verwirrung, Lockenkopf, Altersheim, Corona-Warn-App, schlaflos, Gnade

Atemlos standen Hendrik und der König in dem kleinen grauen Gang, hinter ihnen die offene Tür zum Endoplasmatischen Retikulum.

„Was war denn das“, fragte Hendrik noch ganz aufgewühlt.

Der König betrachtete siegessicher sein Flashboard. „Was meinst du“, fragte er unaufmerksam.

„Das war nicht nur eine Reise um die halbe Welt. Das war eine verdammte Zeitreise.“

„Ja, das passiert schon mal“, sagte der König, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

„Das passiert schon mal? Wir sollten dringend an unserer Kommunikation arbeiten. Woher wissen wir, wo und wann wir jetzt gelandet sind?“

„Genau wissen wir das erst, wenn wir nachsehen.“ Der König grinste und ging den Gang entlang, als mit einem lauten Plopp Tsunami aus dem Schwarz sprang. Die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Was war das denn“, schrie sie geradezu vor Aufregung.

„Was machst du hier“, fragte der König erschrocken.

„Du hast mein Board geklaut“, schrie sie ihn an.

„Jetzt ist es meines, denn hier bin ich der König“, sagte er laut und tönend.

Hendrik sah sich um und wunderte sich, dass die beiden Wachen für das Retikulum verschwunden waren. Auch das Schild hing nicht mehr über der Tür.

„Bist du da sicher? Irgendwas ist anders“, sagte Hendrik.

„Irgendwas ist immer anders“, sagte der König und öffnete die erste Tür, zu einem weiteren Gang. Hendrik folgte ihm.

„Na los, Lockenkopf“, sagte der König. „Ich zeige dir mein Königreich.“

„Nenn mich nicht so.“ Tsunami schaute drohend, folgte ihnen dann aber.

Zwei Gänge und zwei Türen weiter standen sie auf dem untersten Bahnsteig vom Berliner Hauptbahnhof.

Hendrik sah sich um. Der Bahnsteig war gesäumt von Menschen. Das hier war seine Welt, nicht die des Königs. Sie gingen den Bahnsteig entlang. Tsunami sah sich um, als würde sie zum ersten Mal Menschen sehen.

„Alles ok“, fragte Hendrik.

„Sind die alle alt hier“, sagte sie schamlos. „Das ist hier ja das reinste Altersheim. Setzt ihr das Altersgesetz von 2047 gar nicht um?“

„Wir sind nicht im Jahr 2047“, betonte der König.

„Wie auch, das wäre ja schon elf Jahre her“, sagte Tsunami zunehmend verwirrter.

„Wir haben auch nicht das Jahr 2058.“ Der König sah sie nun direkt an.

„Sondern?“

„Das hier ist mein Reich und meine Zeit. Wir haben 2020.“

„Das kann doch nicht sein“ sagte sie, während sie an einer Gruppe von Menschen vorbei gingen, welche die drei strafend ansahen.

„Was haben die denn“, fragte Tsunami verunsichert. „Sehe ich irgendwie komisch aus?“

„Ja“, sagte Hendrik.

„Was? Warum?“

„Du trägst keinen Mundschutz.“

„Keinen was?“ Tsunami sah sich die Gruppe erneut an und bemerkte, dass alle Personen ein Stück Stoff vor dem Mund hatten.

„Wir haben Corona, habt ihr so etwas im Geschichtsunterricht nicht gehabt“, fragte Hendrik. Er war sich sicher, dass in 30 Jahren diese Zeit in den Geschichtsbüchern auftauchen würde, wie bei ihm die Spanische Grippe.

„Nein. Was soll das sein?“

„Es ist eine Seuche“, sagte der König. „Die Menschen haben Angst krank zu werden.“

Tsunami blieb stehen. Dann drehte sie sich zu der Menge um und lief plötzlich auf sie zu. „Buh“, schrie sie, so laut sie konnte. Die Menschen zuckten erschrocken zusammen. Tsunami drehte sich lachend um, als plötzlich bei fast allen die Handys ein Warnsignal ertönen ließen. Tsunami schaute fragend zum König. Hendrik zog sie weg.

„Es ist besser, wir gehen jetzt.“

„Was ist passiert?“

„Ich weiß zwar nicht wie, aber du hast gerade die Corona-Warn-App der Leute aktiviert.“

„Die was?“

Plötzlich schienen alle Menschen auf dem Bahnsteig die drei anzustarren.

„Ok. Zeit für Plan B.“ Der König berührte Tsunami und Hendrik und griff in seine Tasche. Es schien, als wirble er etwas darin etwas herum. Es klimperte ein wenig und plötzlich war der Bahnsteig menschenleer.

„Das wird ein paar Leuten ein paar schlaflose Nächte bereiten, aber egal“, lachte der König und rief; „Willkommen in meinem Königreich.“ Er betonte das „meinem“ so deutlich, als wollte er zeigen, dass sie nun auf seine Gnade angewiesen waren.


Teil 10:

Wortspenden: Überlebende, Vermächtnis, Wortverdr3her, Swimmingpool, Quietsche-Ente

Die Ruhe, die plötzlich im Bahnhof herrschte, erzeugte bei Hendrik sofort eine Gänsehaut. Nur Lüftungen und ein paar unentwegt vor sich hinfahrende Rolltreppen waren zu hören. Es fühlte sich an, als wären sie Überlebende, die nach einem tosenden Hurrikan plötzlich am lautlosen Strand einer Insel standen.

Als sie im ersten Stock angekommen waren, kam ihnen jemand entgegen. Hendrik glaubte ihn zu erkennen, doch irgendwie schien Hans sich verändert zu haben.

„Hallo Finn“, rief Hans.

Der König zuckte zusammen. „Was fällt dir ein“, fragte er.

Hans sah ihn staunend an. „Was denn?“

„Wie redest du denn mit mir?“

Hans hob irritiert die Schultern und sah Hendrik und Tsunami fragend an.

„Ich bin dein König“, betonte der König.

Hans zögerte. Er verzog etwas das Gesicht und brach dann in lautes Lachen aus. „Mein was?“

Der König wurde unruhig. „Ich bin der verdammte König hier“, rief er.

Hans konnte sein Lachen kaum stoppen. „Man Alter, was hast du denn geraucht? Ein König?“ Er lachte noch immer herzhaft.

Der König sah Hendrik fragend an.

„Du sagst doch selbst, dass man nie weiß, wo man landen wird“, sagte Hendrik und spürte dabei, wie sehr ihn dies alles irritierte. Wo und wann waren sie denn nun gelandet?

„Ich werde es euch beweisen“ sagte der König und ging schnellen Schrittes voran. Hans, Tsunami und Hendrik folgten ihm.

Kurz darauf betraten sie alle die große Halle. Hendrik erinnerte sich daran, wie er sie das erste Mal betreten hatte. Das Königreich Bullerbü. Auch jetzt war die Halle voll mit allem, was der Bahnhof so hergab und doch wirkte die Halle nicht mehr so bunt und blinkend, wie er sie in Erinnerung hatte. Der König schien das nicht zu erkennen und ging direkt auf einen Schrank am Ende der Halle zu.

„Hier“, sagte er feierlich und zeigte auf den Schrank, der in die Wand eingelassen war. „Hier habe ich alles rund um meine Königswahl und alles andere aufgezeichnet. Das sollte mein Vermächtnis werden, aber nun wird es der Beweis sein“, sagte er und öffnete den Schrank.

Der Schrank war leer bis auf ein Buch. Es schien nicht das zu sein, was der König erwartet hatte. Er nahm das Buch in die Hand, schaute es an und blickte dann zu den anderen dreien.

„Das ist nicht mein Buch“, sagte er ganz leise und fast weinerlich.

Tsunami nahm es ihm aus der Hand. „Das improvisierte Königreich. Ein Improvisationsroman von Wortverdreher. Ach nein, da steht Wortverdr3her. Ein Tippfehler auf der Titelseite“, kicherte sie erstaunt.

„Ich bin kein König“, sagte Finn nachdenklich.

„Natürlich nicht“, lachte Hans.

Finn ließ den Kopf hängen. Doch plötzlich sprang er auf die drei zu.

„Wir müssen noch mal springen, damit wir wieder in der richtigen Welt landen“, sagte er entschlossen und ging los.

„Halt“, rief Tsunami. „Ich mache das nicht nochmal! Ich springe vielleicht in einen Swimmingpool mit einer hübschen kleinen Qietsche-Ente oder von einem Wolkenkratzer, aber ganz sicher nicht noch einmal in so ein schwarzes Loch!“


Teil 11:

Wortspende: Parallelität, Weihachtswunderzeit, Leerlauf, Inkassobüro, Hasenstall

„Ich will wieder König sein“, schrie Finn etwas verzweifelt.

„Nein, sie hat recht“, sagte Hendrik. „Wer weiß, wo wir dann landen werden. Es könnte ja alles noch viel schlimm …“ Er verstummte.

„Was ist?“, fragte Tsunami.

Hendrik wurde bleich. Er legte eine Hand auf seinen Bauch. „Oh Gott. Gibt es in dieser Welt meine Familie noch?“

Alle zuckten etwas zusammen.

„Ich habe genug von der Parallelität dieser Welten. Ich will jetzt nach Hause. Los, gib mir deine Trillerpfeife.“ Er sah Finn fordernd an.

Finn nickte. „Wir kommen mit“, sagte er ernst und Tsunami und Hans nickten zustimmend.

Mit einer fast greifbaren Entschlossenheit zog Finn die Trillerpfeife hervor. Er sah die drei an. Jeden einzeln. Er schloss die Augen und pustete in die Trillerpfeife. Sofort drang ein ohrenbetäubender Lärm in ihre Ohren. Kaum vorstellbar, wie leise es in diesem Bahnhof auch sein kann, dachte sich Hendrik. Sie gingen sich eng aneinanderhaltend auf den unteren Bahnsteig, bestiegen den Regionalzug und verließen Berlin. Sie schwiegen. Hendrik betrachtete die in diesem Jahr nicht ganz so üppige Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und Häusern. Die Weihnachtswunderzeit schien dieses Jahr wie ein ICE an ihm vorbeigerast zu sein.

Kurz hinter den Grenzen von Berlin stiegen sie aus. Wortlos verließen sie den kleinen Bahnhof. Hendrik führte das kleine Grüppchen durch die Straßen, die irgendwie wie immer und doch verändert wirkten. Er versuchte sich zu erinnern, zu erkennen, was sich verändert hatte, doch es kam ihm nichts in den Sinn. Es war, als hätte sein Kopf auf Leerlauf gestellt. Es ging nur noch darum herauszufinden, ob seine Familie noch da war. Seine Frau. Seine Tochter. Seine Schritte wurden schneller.

Endlich entdeckte Hendrik sein Haus. Die drei Kinder mussten bereits neben ihm herlaufen, so schnell war sein Schritt geworden.

Er stand vor seinem Haus. Es fühlte sich wie Heimat an und doch hatte er Angst, er würde ein Fremder sein können. Er dachte an all die Zeit, die er nicht mit seiner Familie hatte verbringen können und wünschte sich, diese nachholen zu können. Doch die Zeit war verbraucht. Im Gegenteil sogar. Es kam ihm so vor, als würde das Lebenszeit-Inkassobüro von ihm eine kräftige Nachzahlung inklusive Gebühren einfordern.

Er sah in den Vorgarten. Der Hasenstall war noch an Ort und Stelle. Ein gutes Zeichen, wie er fand. Er sah die drei Kinder an, öffnete das Gartentor und ging mit unsicheren Schritten auf die Eingangstür zu.

An der Klingel stand „Sognatore“. Er atmete auf. Er konnte sich noch erinnern, wie er im Sommer das Schild mit dem Familiennamen montiert und das alte Provisorium, bestehend aus einem ausgeblichenen Klebeband, entsorgt hatte. Beinahe hätte er geklingelt, doch dann fischte er seinen Hausschlüssel aus der Tasche.

Er hielt den Schlüssel hoch und den Atem an. Die drei nickten ermunternd. Er setze den Schlüssel an und betete ein Stoßgebet, dass er passen würde.


Teil 12:

Wortspenden: Luke Skywalker, Science-Fiction, Endlosschleife, Zwilling, Faszination

Der Schlüssel passte, die Tür ging auf. Fast sofort erschien seine Frau im Flur.

„Was machst Du denn schon hier“, fragte sie erstaunt.

Hendrik hatte keine Ahnung, wie viel Zeit wirklich vergangen war, seit er das Haus verlassen hatte. Ihm war es wie eine Ewigkeit vorgekommen.

„Das erkläre ich Dir gleich“ sagte er. „Ich habe jemanden zum Essen mitgebracht.“ Er ließ die drei Kinder eintreten.

Sofort erschienen auch seine eigenen Kinder, seine zweieiigen ZwillingeMarkus und Melanie.

Als sie gemeinsam das Wohnzimmer betraten, waren Finn, Tsunami und Hans sofort gefangen von dem Weihnachtsbaum, der geschmückt in der Ecke des Wohnzimmers stand. Tsunami hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen Weihnachtsbaum gesehen, nur Geschichten davon gehört.

Hendrik schaltete die Weihnachts-CD aus, die seit dem ersten Advent in einer regelrechten Endlosschleife das Haus beschallt hatte.

Sie setzten sich alle an den Esstisch, seine Frau kochte Nudeln mit Tomatensoße und dann begannen sie, die Geschichte zu erzählen. Als er mit der Unterstützung von Finn, Tsunami und Hans alles erzählt hatte, fiel sein Blick auf das Luke Skywalker Shirt seines Sohnes. Er musste lächeln. Das Shirt war wohl noch nie passender gewesen als heute. Er fühlte sich selbst als Teil eines verwirrenden Sciene-Fiction Films.

„Tja, und so sind wir jetzt hier und wissen eigentlich noch nicht so recht, wie es jetzt weitergeht“, sagte Hendrick und sah seine Kinder und seine Frau an. In ihren Augen zeigte sich eine Mischung aus Schrecken und Faszination.

„Könnt ihr diese Parallelwelt auch jetzt hier erzeugen?“, fragte seine Frau etwas unsicher.


Teil 13:

Es wurde ganz still im Haus. Die Frage nach der Parallelwelt hing wie ein Dunst im Raum.

Plötzlich sprang Hendriks Frau auf. „Wie auch immer. Wenn, dann erst nach dem Essen“, sagte sie lachend und ging in die Küche, um noch einen Topf Nudeln nachzuholen.

Sie stellte den Topf in die Mitte und sagte: „Spaghetti waren leider alle, also gibt es jetzt Buchstabennudeln.“ Sie schöpfte jedem eine Kelle Buchstaben aus dem Topf auf den Teller.

„Das ist ja der reinste Buchstabensalat“, sagte Tsunami begeistert. „Schaut mal, bei mir kann man das Wort -Blume- lesen“, rief sie fröhlich.

„Bei mir steht –atomar-“, sagte Hans fast ein wenig stolz.

„Bei mir steht -GNFLMR- oder so“, sagte Markus laut lachend.

Alle riefen durcheinander welche Worte und Nicht-Worte sie auf ihrem Teller fanden. Nur Hendriks Frau Emma nicht.

„Alles ok, Emma?“, fragte Hendrik.

„Bei … bei mir steht … steht …“

Hendrik beugte sich zu ihr rüber und starrte mit großen Augen auf den Teller.

„Was steht da?“, fragte Finn.

„Da steht ganz eindeutig –Machtutensilien-“, sagte Hendrik schluckend. „Ein so langes Wort kann sich doch gar nicht von alleine bilden“, fügte er noch an.

Wieder senkte sich eine Stille über das Haus und aus der gerade noch ausgelassenen fröhlichen Stimmung wurde plötzlich eine unheimliche magische Stimmung.

„Papa, was sind Machtusentilien?“, fragte Melanie.

„Das heißt Machtutensilien. Das sind Gegenstände, die zeigen, dass jemand die Macht hat, etwas zu entscheiden oder zu tun. So wie ein König eine Krone hat.“

„Oder das hier“, sagte Finn und zog drei sehr alt aussehende Münzen aus seiner Tasche.

„Was ist das“, fragte Tsunami.

„Das ist der Schlüssel zur Parallelwelt“, sagte Finn feierlich.

„Wie funktioniert er“, fragte Emma.

„Ich weiß es nicht genau. Aber wenn ich mit den Münzen klimpere, dann beginnt der Übergang.“

Hendrik wurde bleich, griff sich in die Tasche und holte ebenfalls drei Münzen heraus, die er ganz vorsichtig und ohne ein Geräusch zu machen auf den Tisch legte.

„Wo hast du die her?“, fragte Finn.

„Die habe ich vor ein paar Tagen im Bahnhof gefunden. Sie sahen so alt aus, da habe ich sie mitgenommen. Und dann habe ich sie wohl in der Jackentasche vergessen.“

„Und sie dann vermutlich ganz aus Versehen zum Klimpern gebracht“, sagte Emma.

„Das sind bestimmt die Münzen von Jana“, sagte Hans. „Sie hatte uns doch gebeichtet, dass sie ihre verloren hatte.“ Hans sah Finn an.

Finn nickte.

„Hat jeder von Euch solche Münzen?“, fragte Tsunami.

„Nein“, sagte Finn. „Der König durfte entscheiden, wer Münzen bekommt. Es gibt nicht sehr viele davon und es müssen mindestens drei sein, sonst klappt der Zauber nicht.“

Alle starrten auf die Münzen auf dem Tisch und in Finns Hand.

„Soll ich?“, fragte Finn vorsichtig.

Alle nickten ganz zaghaft aber deutlich.

Er schüttelte die Münzen in seiner Hand. Es leises metallisches Klimpern war zu hören.

Im nächsten Moment sprang der Lautsprecher wieder an und von der Kinderlieder-Weihnachts-CD dröhnte „Schneeflöckchen Weißröckchen“ durch den Raum. Alle zuckten erschrocken zusammen.

Hendrik sprang auf und schaltete die Musik aus. Alle sahen sich um, um herauszufinden, ob sich etwas verändert hätte.

Nicht einmal ein Atemzug war zu hören, bevor ein kleines Mauzen die Stille durchdrang. Der alte Kater Gargamel kam die Kellertreppe hinauf und setze sich vor die Terassentür, um Einlass zu fordern.

„Sind wir jetzt in der Parallelwelt, oder nicht?“, fragte Markus.


Teil 14

Niemand sprach ein Wort. Alle sahen sich um. Sie suchten fieberhaft nach Veränderungen. Mit vorsichtigen Schritten gingen sie im Wohnzimmer umher.

„Woran erkennt man eigentlich, wenn man in einer anderen Welt ist?“, fragte Emma.

Finn zuckte die Schultern. „Im Hauptbahnhof war das immer sehr deutlich. Da waren von einem Moment auf den anderen die Leute weg.“

„Hier sind noch alle da. Heißt das, es hat nicht geklappt oder sind alle mitgekommen?“, fragte Tsunami.

„Woher soll ich das wissen“, sagte Finn etwas ärgerlich.

„Was verändert sich denn noch, wenn man die Welt wechselt?“

„Ich weiß nicht“, sagte Finn. „Es war jedesmal völlig anders. Allein schon die Welt aus der du kommst.“ Er sah Tsunami an.

„Wie meinst du das?“, fragte sie.

„Na allein eure Altersgesetze“, sagte Hendrik. „Ihr wart .. oder seid eine ganz andere Gesellschaft. Vermutlich mit ganz anderen Werten und ganz anderen Ideologien.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte sie.

Plötzlich war ein lautes Mauzen zu hören.

„Könnte mal jemand etwas gegen diesen Katzenjammer machen und Gargamel herein lassen?“, fragte Hendrik.

Markus öffnete die Terassentür, nahm die Katze auf den Arm und streichelte sie. Sofort begann sie leise zu schnurren. Der alte Kater war unersättlich, wenn es um Streicheleinheiten ging.

„Soll ich noch mal mit den Münzen klimpern?“, fragte Finn?

„Oder die Trillerpfeife pfeifen?“, fragte Hans.

„Was soll denn die Trillerpfeife?“, fragte Emma.

„Mit der kamen wir bisher immer zurück“, sagte Finn nachdenklich.

Alle standen um den Esstisch herum und suchten mit den Blicken das Wohnzimmer ab. Nur Melanie stand an der offenen Verandatür und sah in den Garten hinaus.

„Was ist denn das da?“, fragte sie plötzlich.

Emma ging zu ihr. „Was denn, Schatz?“

„Das da unter der Blume“, sagte sie und zeigte auf den großen Rhododendron, unter dem sie Ostern noch bunte Eier gefunden hatte.

„Ich seh nichts.“

„Das war so etwas wie ein Tier, aber es lief wie ein Mensch.“

Nun schauten auch alle anderen in Richtung Garten und traten langsam und einer nach dem anderen an das große Verandafenster heran. Der Garten lag in winterlicher Ruhe vor ihnen, wenn auch ohne Schnee.

„Da ist auch was“, rief Hans und zeigte auf den Komposthaufen.

„Da auch“, sagte Tsunami und zeigte zum Rosenbusch.

„Was zum Teufel ist das?“, fragte Hendrik.


Teil 15:

Emma öffnete vorsichtig die Terrassentür, doch plötzlich lag der Garten ganz still und beruhigt vor ihnen in der Abenddämmerung. Sie gingen hinaus auf die kleine Wiese, die umsäumt war von allerlei Büschen, Sträuchern und Obstbäumen.

Hans ging zum Rhododendron und untersuchte den Boden darunter. „Hier sind kleine Fußspuren!“

„Das war bestimmt der Yeti“, sagte Melanie.

„Der was?“, fragte Hans.

„Gestern lief im Fernsehen eine Reportage über die Suche nach dem Yeti“, sagte Emma.

„Aber der ist riesig und lebt in den Bergen.“ Markus winkte ab.

„Aber das hier ist ein anderer Yeti. Das hier ist ein kleiner blauer Yeti mit Zöpfen“ sagte Melanie beharrlich.

„Ja sicher“, sagt Markus. „Und Herr Maliardo von nebenan ist ein Außerirdischer.“

„Ja“, rief Tsunami lachend. „Und im Teich schwimmen kleine Krokodile mit Gummistiefeln.“ Sie hielt sich den Bauch vor lachen.

Melanie zuckte zusammen, denn Herr Maliardo war ihr unheimlich.

Die anderen suchten systematisch den Garten ab. Finn tastete den Garten mit einem regelrecht mechanischen Tunnelblick ab, aber er konnte nichts Ungewöhnliches finden.

„Interessant, interessant“, sagte plötzlich eine Stimme. Alle drehten sich um und blickten zu der alten Walnuss, die in der hinteren Ecke des Gartens stand. Hinter dem Baum trat plötzlich Herr Maliardo hervor. Im Gegensatz zu seinen sonst gepflegten Anzügen, mit Weste und Krawatte, trug er nun einen Wintermantel aus grasgrünem Filz, dessen goldene Knöpfe wie verzaubert schienen. Ein wahres magisches Glitzern ging von ihnen aus.

„Wie seid ihr denn hierher gekommen?“, fragte er.

„Mit drei Münzen“, sagte Finn ehrlich.

Herr Maliardo nickte. Er drehe sich im Kreis und griff dabei unbemerkt in seinen Mantel und holte aus einer geheimen Tasche im hinteren Saum eine Münze hervor. Mit einem großen, federleicht wirkenden Schritt kam er auf sie zu und hielt die Münze in die letzten Strahlen der Abendsonne. Er balancierte sie auf der Fingerspitze. „So eine vermutlich.“

Finn nickte mit großen Augen.

„Wo hast du die Münzen denn her?“, fragte Herr Maliardo mit langgezogenen Worten und einer tiefen Stimme.

„Gefunden“, sagte Finn ehrlich.

„Und wo haben sie ihre Münzen her?“, fragte Hendrik.


Teil 16:

„Ach“, sagte Herr Maliardi und kratzte sich am Kinn. „Das ist eine sehr lange Geschichte.“

„Ach, wir haben Zeit“, sagte Emma lächelnd.

Herr Maliardi nickte wissend.

„Vielleicht hat es sogar seinen Ursprung im Anbeginn der Zeit“, sagte er sehr langsam und mit weicher, tiefer Stimme.

„Beim Urknall?“, fragte Markus neugierig.

Herr Maliardi sah ihn erstaunt an. „Vielleicht kurz danach.“ Wieder kratzte er sich an seinem Bart und schwieg eine Weile. „Vielleicht waren wir damals die erste aller Zivilisationen.“ Es wurde still im Garten. Aufgrund der Kälte standen alle ganz dicht beieinander, aber niemand wollte sich bewegen. Eine faszinierte Stille lag über ihnen. „Als wir damals an der Erde vorbei kamen, erkannten wir, dass hier ein Planet in verschiedenen Dimensionen entsteht. Es gibt nicht viele davon im Universum“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger. „Wir wagten das Experiment und fingen all jene Kräfte, die einen Wechsel zwischen den Dimensionen erlauben, in einem besonderen Metall ein.“

„Und machten daraus Münzen“, sagte Hendrik.

„In der Tat, wenn auch viele Jahrtausende später. Zur Tarnung.“ Er sah alle der Reihe nach an, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, als wollte er die Geschichte spannender machen. „Die Dimensionen entwickelten sich sehr unterschiedlich mit ganz unterschiedlichen Wesen. Wir beschlossen, einen Zeitreisewächter in eurer Welt zu lassen. Jemanden, der auf die Münzen aufpassen sollte. Wir waren damals der Meinung, dass nur wir, mit den Münzen, den Schlüssel zu den anderen Dimensionen in den Händen hielten. Wir hatten nicht mit der Chaostheorie gerechnet.“

„Was hat die Chaostheorie damit zu tun?“, fragte Hendrik.

„Nun, es zeigte sich, dass unter ganz bestimmten Bedingungen, die wir noch immer nicht endgültig herausfinden konnten, sich eine Tür von einer Dimension in die andere auftut. Vor vielen vielen Jahren, ist es jemandem gelungen, in jene Welt zu gelangen, in der die Münzen aufbewahrt wurden.“

Alle standen angespannt im Halbkreis um Herrn Maliardi.

„Es gelang der Person, einige der Münzen zu entwenden, und so war die Person oder das Wesen fortan in der Lage, zwischen den Dimensionen zu wandern.“

„Ist das schlimm?“, fragte Tsunami.

„Nun leider kann man sehr schlechte Dinge tun, wenn man weiß, dass man sich danach quasi in Luft auflösen kann.“

Alle nickten erschrocken.

„Einige der Münzen konnten wir inzwischen wieder zurück holen. Doch noch immer sind 33 Münzen verschollen.“

„33“, murmelte Finn vor sich hin.

„Solche Diebe gehören eingesperrt“, sagte Melanie.

„Ja, in eine Polizeizelle mit ihnen!“, rief Hans.

Emma musste niesen.

„Lasst sie in Ruhe“, sagte Herr Maliardi.

Alle sahen ihn erstaunt an. Er riss die Augen auf und sagte dann weise nickend: „Das waren sicher Hatschi-Elfen. Sie sind sehr klein und fliegen gerne in die Nasen und kitzeln einen dort, bis man niesen muss. Wartet, ich zeig sie euch.“ Er griff in seine Tasche und holte etwas heraus, das aussah wie rosarote Zuckerwatte. Er hielt es auf seiner ausgestreckten Hand. Schnell umschwirrte etwas dieses kleine Häufchen. Zuerst sah es aus wie Fliegen oder Mücken, doch als sie sich auf seiner Hand niederließen, erkannten sie die kleinen Elfen.

Melanie stieß einen kleinen entzückten Schrei aus.

„Wie viele Münzen habt ihr?“, fragte Herr Maliardi.

„Drei“, sagte Hendrik.

Finn rechnete im Kopf und sagte dann: „Wir haben zwölf.“

„Fehlen immer noch achtzehn. Die gilt es zu finden. Solange ich sie nicht zurück habe, können sechs Menschen oder Wesen in allen Dimensionen sehr böse Dinge tun.“


Teil 17:

„Darf ich sie was fragen?“, fragte Finn.

„Ja sicher“, sagte Herr Maliardi.

„Sind sie ein Außerirdischer?“

Alle hielten den Atem an. Herr Maliardi schaute Finn streng und mit hoch gezogenen Augenbrauen an. Dann lächelte er milde. „Ja, das könnte man wohl so sagen.“

„Und wo ist ihr Raumschiff?“

„Ich brauche kein Raumschiff. Ich kann selbst durch Zeit und Raum reisen.“

„Wie denn?“, fragte Hans.

Herr Maliardi grinste. „So!“, sagte er und zwinkerte und war im nächsten Augenblick verschwunden. Alle sahen erschrocken zu der Stelle, wo er gerade noch gestanden hatte. Sie suchten hinter dem Baum und in den Büschen, doch er schien verschwunden.

Plötzlich schrie Melanie auf: „Da ist er!“

Herr Maliardi saß ganz entspannt auf einem Stuhl auf der Terrasse und schaute sich die Suchaktion belustigt an.

„Ich glaub das alles nicht mehr“, sagte Hendrik zu seiner Frau. „Ich komm mir vor wie im falschen Film.“

„Oder wie im Improvisationstheater, wo man plötzlich mit auf der Bühne steht“, sagte Emma.

Alle gingen zur Terrasse und setzten sich um Herrn Maliardi herum.

„Wie wollen sie die restlichen Münzen finden?“, fragte Hendrik.

„Das ist eine schwierige Aufgabe. Ich versuche meine Augen offenzuhalten, wo in der Welt merkwürdige Dinge geschehen. Dinge, die nur passieren können, wenn sich jemand unsichtbar machen könnte.“

„Da gibt es doch sicher einige Dinge“, sagte Emma.

„Ja“, brummte Herr Maliardi etwas enttäuscht. „Sehr oft sogar, hat es natürlich nichts mit den Münzen zu tun. Aber es ist der einzige Anhaltspunkt, den wir haben.“

„Wir?“, fragte Melanie.

„Ja, ich suche nicht alleine.“

„Etwa mit den Hatschi-Elfen?“, fragte Emma kichernd.

„Nein! Mit mir“, sagte eine Stimme aus dem Garten. Hinter dem alten Baum kam ein Zwerg hervor. Er war wohl nur einen Meter groß und stämmig gebaut. Er schlenderte auf die erstaunte Gruppe zu. Er trug ein T-Shirt auf dem spiegelverkehrt stand: Ich bin ein Zwerg. Als ob das nicht offensichtlich wäre.

„Das ist Incantato. Er ist sozusagen mein Partner.“


Teil 18:

„Was schaut ihr denn so? Habt ihr noch nie einen Zwerg gesehen?“, fragte Incantato.

Alle starrten auf den Zwerg und schüttelten leicht mit dem Kopf.

„Aus welcher Welt stammt ihr denn“, lachte der Zwerg und hielt sich dabei seinen Bauch. „Ihr sehr aus, als erwartet ihr, dass hinter mir gleich noch ein Eisschloss aus dem Boden schießt und eine böse Königin einen fürchterlichen Fluch ausspricht.“

Niemand sagte etwas.

„Buh!“, schrie er plötzlich aus vollem Hals.

Die ganze Familie schrie erschrocken auf. Einige sprangen sogar vom Stuhl auf.

Incantato fiel zu Boden und kugelte sich vor Lachen.

„Er ist ein kleiner Spaßvogel“, sagte Herr Maliardi. „Aber wir sollten zu unserem ernsten Thema zurückkommen. Wo könnten in eurer Dimension die Münzen gelandet sein? Habt ihr eine Idee?“

„Sie sehen ziemlich wertvoll aus“, sagte Emma. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich Münzensammler dafür interessieren.“

„Oder sie gehören inzwischen zur Goldreserve und liegen beim Finanzminister Olaf Scholz im Tresor“, sagte Hendrik im Versuch, ein wenig ironisch zu sein.

„Goldmünzen sind ja heute sehr gefragt“, sagte Emma.

„Wie meinst du das?“, fragte Incantato neugierig.

„Na in Berlin ist doch letztens die größte Goldmünze der Welt geklaut worden.“

„Wie ist das passiert?“, fragte Herr Maliardi.

„Das weiß keiner so ganz genau. Immerhin war das Ding 100 Kilo schwer.“

„Da würde es sehr helfen, wenn man die Dimension wechseln könnte!“

Incantato trat an Herrn Maliardi heran. „Haben wir da beide die gleiche erschreckende Idee?“

Herr Maliardi nickte.

„Welche Idee?“, fragte Finn neugierig.

„Wenn jemand die Macht dieser Münzen erkannt hat, könnte er versuchen weitere Münzen zu erschaffen, die diese Eigenschaften haben. Wenn er die große Goldmünze mit unseren Münzen verschmelzen würde, könnte es sein, dass neue Portalmünzen entstehen.“

Plötzlich hing eine schwere Spannung in der Luft.

„Dann wären die Dimensionsportale für immer offen“, sagte Herr Maliardi sehr langsam und betont.

„Oh oh“, sagte Incantato. „Mögen die Horen*1 barmherzig sein und dies verhindern.“

„Wann genau war dieser Diebstahl?“, fragte Herr Maliardi.

Markus zog sein Handy heraus und sagte kurz darauf: „Am 27. März 2017.“

„Zeit für eine kleine Zeitreise“, sagte Incantato.

„Im Ernst?“, fragte Finn.

„Nun, ich glaube wir können nicht alle zusammen die Diebe jagen“, sagte Herr Maliardi zögerlich.

„Also ich komme auf jeden Fall mit“, rief Tsunami.

„Ich auch“, stimmte Finn ein.

„Gibt es noch ne andere Möglichkeit?“, fragte Hans.

„Ja“, sagte Herr Maliardi. „Jemand muss noch die Münzen holen, von denen ihr gesprochen habt.“

Hans nickte: „Ok, das mache ich. Dann teilen wir uns auf.“

Sie beratschlagten und am Ende bestand das Team für das Bode-Museum, in dem die große Goldmünze geklaut wurde, aus Herrn Maliardi, Incantato, Hendrik, Finn und Tsunami.

„Kommen wir denn so einfach in das Museum und auch noch zur richtigen Zeit?“, fragte Hendrik.

„Nur mit den Münzen sicher nicht“, sagte Finn. „Die waren noch nie sehr genau.“

„Nicht wenn ein Mensch sie benutzt“, sagte Herr Maliardi wissend. „Aber ich bin ein Wächter von Zeit und Raum. Fasst euch an den Händen.“

Sie stellten sich in einem kleinen Kreis auf und ergriffen einander an den Händen. Herr Maliardi sah jeden einzelnen ernst an, bis er ein Nicken erkennen konnte. Erst als alle der Reise zugestimmt hatten, ließ er seine Münzen erklingen.

Im nächsten Moment wurde es dunkel und still. Nur hier und da waren zunächst kleine Lichtpunkte zu sehen. Dann durchdrang ein Schrei die Stille.

„Was ist?“, erklang Herr Maliardis fürsorgliche Stimme.

„Oh mein Gott habe ich mich erschrocken“, sagte Finn. Er hatte sich nach der Landung in der Skulpturensammlung umgedreht und direkt in das Gesicht einer steinernen Riesenechse aus dem Palast von Cleopatra geschaut.

Als die anderen ihn vor der Statue sahen, mussten sie kichern. Er stand Auge in Auge mit ihr.

„Wir sind da“, sagte Herr Maliardi. „Nun müssen wir nur noch auf die Diebe warten.“

– – –

*1 – griechische Göttinnen, die das geregelte Leben überwachen


Teil 19:

Sie schlichen durch das Museum und positionierten sich in der Nähe der Münze. Außer dem Geräusch der Lüftung und ihrem eigenen Atem war nichts zu hören.

Sie hatten keine Ahnung, wie lange sie würden warten müssen, aber da die Münze noch vorhanden war, musste der Raub noch bevorstehen. Niemand sprach ein Wort, denn die Diebe könnten jederzeit überall auftauchen.

Hendrik spürte wie, angespannt seine Muskeln waren. Es fühlte sich an, als würden sie hier gleich eine ganz große Verschwörung aufdecken. Sie waren Kopfgeldjäger. Aber welche von den Guten, falls es so etwas gab. Er sah sich um. Hier waren Schätze aus der ganzen Welt zusammengetragen worden und jeden Moment würde sich hier ein unfassbares Schauspiel ergeben. Quasi ein Weltentheater dachte er und wunderte sich selbst über so einen Gedanken.

Da ertönte ein merkwürdiger Krach im Nebenraum. Alle starrten auf den Durchgang, durch den plötzlich Nebel eindrang. Schnell versteckten sie sich hinter Schaukästen und Statuen. Es war, als würde jemand mit einem Laubbläser Nebel in den Raum pusten, um den Staub der Jahrhunderte aufzuwirbeln. Alle zuckten zusammen. Hendrik erinnerte sich sofort an eine ganze Reihe von Hollywoodfilmen, in denen mit Rauch Lichtschranken sichtbar gemacht wurden. Drei Männer betraten den Raum. Sie waren in ihren schwarzen Sachen und bei allem Rauch nur schwer zu erkennen. Der vermeidliche Laubbläser machte einen unglaublichen Lärm. Angst vor Krach hatten sie offensichtlich nicht. Der Rauch zeigte auch keinerlei Lichtschranken an. „Mach das Scheissding aus“, schrie jemand. Dann trat eine unheimliche Stille ein.

„Unglaublich, dass wir einfach so hier hereingekommen sind“, sagte einer der drei.

„Ich sag ja, diese Münzen sind unbezahlbar“, sagte ein anderer.

Die drei näherten sich der großen Münze.

Alle im Saal hielten den Atem an.


Teil 20 (letzter Teil):