abc-Etüde, Birkenkraft

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von auf irgendwas ist immer.

Die Wortspende für die Textwochen 12/13 des Jahres 2022 stammt von Maren mit ihrem Blog Ich lache mich gesund. Sie lautet:

Birke
blumig
entgiften.


Birkenkraft

Ruhelos ging er durch den Park. Er wusste nicht wohin mit sich, wusste nichts mit sich anzufangen. Wann hat er angefangen, sich selbst nicht mehr ernst zu nehmen? Wann hatte er angefangen, andere Menschen über sich selbst zu stellen? Er spürte eine Unruhe, einen Schrecken, eine Angst in sich. Seit wann war er sich und dem Leben nicht mehr genug? Sicher er hatte seine Schwächen, aber wer hatte dies nicht? Doch er wollte sich keine seiner Schwächen verzeihen, wollte sie bekämpfen. Sein ganzes Leben kam ihm wie ein Kampf vor und jeder kleine Sieg sah am Ende doch wie eine Niederlage aus. Jedes Licht am Ende eines Tunnels führt nur wieder in einen neuen Tunnel.

Er setzte sich atemlos und mit klopfendem Herzen auf eine Bank unter einer aufblühenden Birke. Er sah ihre Schönheit nicht. Er spürte nicht, wie der blumige Duft der Frühblüher seine Nase umschmeichelte und die Birke in ihrer Ruhe, die sie auf ihn übertrug, ihn langsam entgiftete, von einigen seiner schweren Gedanken.

Er faltete seine Hände und starrte sie an. Was würde er tun müssen, um liebenswert zu sein, um ausreichend liebenswert zu sein, um so liebenswert zu sein, dass er geliebt werden würde. Er hatte einmal gelesen, dass ein Mensch nie mehr Liebe empfangen könnte, als er sich selbst geben konnte. Der Satz kam ihm in den Sinn und leise murmelte er vor sich hin: „Dann bin ich echt am Arsch.“ Dabei sehnte er sich nach nichts anderem und hatte das Gefühl selbst, voller Liebe zu sein, wenn er sich nur nicht dauernd selbst im Weg stehen würde. Wie könnte es ihm gelingen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, sich selbst zu mögen, sich selbst zu ….

Er sah auf, blickte in die Frühlingssonne und für einen kurzen Moment, sah er die Schönheit des Lebens.

8 Gedanken zu “abc-Etüde, Birkenkraft

  1. Klingt nach einer Depression … Da ist es immer schwer zu raten. Aber das Gedankenkarussell anzuhalten und sich nicht selbst fertigzumachen, ist bestimmt eine gute Idee. Ja, ich weiß auch, wie schwer das ist.
    Wer es schafft, die Schönheit der Welt zu sehen und sich davon berühren zu lassen, und sei es nur kurz, ist nicht verloren.
    Montagmorgenkaffeegrüße 🤔😉☁️☕🍪🌼👍

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  2. Lange habe ich auch geglaubt, dass man Selbstliebe üben könne, dann automatisch auch „den Nächsten“ lieben würde, wie sich selbst, – und auch entsprechend von diesem geliebt würde. So steht es in der Bibel. Leider aber ist Selbstliebe keine Frage der Übung, sondern hängt mit vielen verschiedenen Faktoren zusammen, die von uns größtenteils kaum zu beeinflussen sind. Da gibt es Erfahrungen unserer Ahnen, die wir nicht einmal kennen, deren Auswirkungen wir aber in uns tragen. Jede Familie hat ihre eigene Energie, in die wir als Kind hineingeboren werden. Und die wir aufnehmen, ohne uns dagegen wehren zu können. Oft versuchen wir als Erwachsene, diese Energien zu interpretieren, um möglichst nicht dieselben „Fehler“ zu machen, wie wir sie in der Partnerschaft unserer Eltern wahrgenommen zu haben meinen. Unsere Wahrnehmung ist dabei jedoch zwangsweise verzerrt – und wird durch das, was uns über diese Partnerschaft erzählt wird, weiter verzerrt. Denn die Erzählenden tun dies immer aus ihrer Perspektive.

    Hinzu kommt, dass wir darauf geprägt sind, uns als „Mängelwesen“ wahrzunehmen. Auch das ist nicht die eigene „Schuld“, sondern unabdingbare Voraussetzung, damit die westliche Konsumgesellschaft „funktioniert“. Es wird uns daher bereits von der 1. Klasse an immer wieder eingehämmert.
    Dass uns gleichzeitig ständig vermittelt wird, wir könnten das alles so ohne weiteres ändern, wenn wir uns nur selbst „optimieren“ würden, macht es nicht besser, heizt aber den Konsum weiter an.

    „Sieg“ und „Niederlage“ sind Kategorien eines kriegerischen Denkens, das uns als „unsere Geschichte“ verkauft wird, und die Menschen dazu verleiten soll, „Siege“ anzustreben, weil die sich angeblich „gut“ und „Niederlagen“ sich „schlecht“ anfühlen sollen. Diese Art des Denkens verleitet Menschen zu ständigem Kampf und Krieg, wie wir gerade wieder sehen … .

    Nichts in dieser Welt geschieht aber wirklich ohne Sinn, auch wenn wir diesen oft zunächst nicht erfassen können. Und so hat auch jede unserer Entscheidungen auf einer tieferen Ebene einen Sinn, den wir oft erst sehr viel später verstehen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich glaube, dass man Selbstliebe lernen kann, aber es ist ein langer Weg und je schwerer der Rucksack aus der Kindheit ist, desto beschwerlicher und länger ist er. Die Anzahl der Selbsthilfebücher und -workshops zeigt, wie groß das Bedürfnis ist aber es zeigt auch, dass es nicht reichen wird, ein Buch zu lesen oder einen Workshop zu besuchen.
      Zum Thema „Sinn des Lebens“ hat vermutlich auch jede:r eine eigene Philosophie. Zum „Glück“ gibt es auch hier jede Menge Ratgeber bis hin zu irgendwelchen dubiosen Challange-Books.
      Danke! 😊🙏🌻

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  3. Manchmal muss man sich auch einfach – Entschuldigung – in den Allerwertesten treten! Das haben sonst die Kleriker für uns in IHREM Sinne von Schuld gemacht, aber denen glauben wir nicht mehr, und da ist einfach Selbsthilfe des mündigen Bürgers angesagt!

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 14.15.22 | Wortspende von Katha kritzelt | Irgendwas ist immer

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