abc-Etüde, Museum der Erinnerungen

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von auf irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 46/47 des Schreibjahres 2021 stiftete Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lauten:

Museum
biografisch
erinnern.


Museum der Erinerungen

Als er den Stift auf das Papier aufsetzte und das Wort schrieb, fühlte es sich an als würde er eine Tür in die Vergangenheit öffnen. Nach den ersten vier Worten gab es noch ein kurzes Zögern, ein Fragen, ob er wirklich hinein gehen sollte in dieses Haus in seinem Kopf. Er stand noch in der Eingangstür, aber er wusste instinktiv, dass es nach dem nächsten Wort kein zurück mehr geben würde. Auf dem weißen Blatt stand: „Zurückblickend war mein Leben…“

Er spürte die Schwere des Füllfederhalters in seiner Hand. Er war wie eine Eintrittskarte in das Museum seiner Erinnerungen. Die schwere Feder senkte sich auf das Papier, begann sanft darüber zu kratzen und eine königsblaue Linie zu hinterlassen. Er folgte seinen biografischen Spuren, durch die Ausstellung seines Lebens. Menschen, Ereignisse, Erlebnisse waren wie Ausstellungsstücke kuratiert und warteten darauf, von seiner Feder erfasst zu werden.

Je tiefer er in sein Museum eintauchte, desto schwerer wurde die Feder in seiner Hand. Er spürte, dass es nicht mehr nur darum ging sich zu erinnern, sondern ob er es noch schaffen würde, sein Leben bis zum Augenblick des Jetzt zu erzählen.

Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort füllte er Seite um Seite und kämpfte mit jeder mit jeder Seite mehr gegen seine Müdigkeit und Kraftlosigkeit.

Mit jedem Lebensjahrzehnt, an das er sich erinnerte, stieg er mühsam ein weiteres Stockwerk in seinem Erinnerungsmuseum hinauf. Die Kräfte schwanden, die Zeit knapp wurde, doch es waren noch so viele Erinnerungen, die noch zu Papier gebracht werden wollten. Seine Hand begann sich zu verkrampfen.

„Und Doc, was können Sie mir sagen?“

„Ich denke er ist ganz sanft und natürlich eingeschlafen.“

„Hier am Schreibtisch?“

„Warum nicht?“

Der Polizist beugte sich über den Schreibtisch.
„Können Sie lesen, was da steht?“

„Das könnte >heute< heißen.“

10 Gedanken zu “abc-Etüde, Museum der Erinnerungen

  1. Und die Moral von der Geschicht‘? Wer sein Leben auf die Reihe bekommen will, sollte rechtzeitig damit anfangen, damit er die Last noch tragen und sich ihrer entledigen kann? Oder damit er sich im Lauf der eigenen Jahre nicht verläuft? 😉
    Schön, mag ich gern lesen.
    Morgen starten die Adventüden! 🎄
    Morgenkaffeegrüße 😁🌧️☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Wie immer toll geschrieben. Inhaltlich hätte ich anzumerken, dass Erinnerungen aufzuschreiben, als wären es Museumsstücke, ziemlich müßig ist. Es ist dann wie eine Artefaktensammlung, in der das Leben versteinert. Echte Erinnerungsarbeit führt zu neuen Deutungen im Jetzt und ist zukunftsgerichtet. .

    Gefällt 1 Person

    1. Ich denke jede:r muss für sich eine Art finden, mit der Erinnerung umzugehen. Vermutlich gibt es für verschiedene Erinnerungen sogar verschiedene Wege. Manche können nicht aufs Papier gebannt werden, andere werden zu einem Epos, dass man gerne erzählt. 😊🙏🌻

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  3. Pingback: Fazit Textwochen 46.47.21, willkommen Adventüden 2021! | Irgendwas ist immer

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