abc-Etüde, Hintergründig

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von auf irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 40/41 des Schreibjahres 2021 stiftete Yvonne mit ihrem Blog umgeBUCHt. Sie lauten:

Geheimkünstler
sperrig
suggerieren.


Hintergründig

Schweigend gingen sie durch das leere Museum bis sie ehrfürchtig vor dem über 500 Jahre alten Gemälde standen und es betrachteten.

Der Chefrestaurator nickte den Mitarbeitern zu und diese traten an das Gemälde heran, nahmen es sehr vorsichtig ab und hoben es in die sperrige, erschütterungsresistente Transporthalterung. Der Chefrestaurator atmete erst wieder tief ein, als das Bild sicher in der Werkstatt angekommen war.

Am nächsten Morgen stand er mit seiner Mitarbeiterin davor.

„Kaum zu glauben, dass sich diese Farben über einen so langen Zeitraum so gut gehalten haben“, sagte sie begeistert.

„Ja, ich bin mir nicht sicher, ob das heutige Farben auch schaffen würden.“

„Dann mache ich mich mal an die Arbeit“, sagte sie.

„Seien sie so genau und vorsichtig wie möglich.“

Sie nickte und ärgerte sich, weil die Aussage für sie ein gewisses Misstrauen ihr gegenüber suggerierte. Dabei waren „genau“ und „Vorsicht“ inzwischen ihre zweiten Vornamen.

Zwei Tage später stand sie plötzlich in seinem Büro.

„Was kann ich für sie tun?“, fragte er höflich.

Sie trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

„Nun kommen sie schon, was haben sie denn?“

„Ich habe etwas gefunden.“ Ihre Stimme zitterte.

„Was meinen sie mit: ich habe etwas gefunden?“ Er stand auf und ging langsam um seinen Schreibtisch herum.

„Auf dem Bild…“

„Was ist mit dem Bild?“

„Naja, also es ist nicht so richtig auf sondern eher dahinter…“

„Hinter dem Bild, reden sie nicht in Rätseln mit mir. Was ist los?“

„Also auch nicht hinter dem Bild, sondern auf der Rückseite.“

Er sah sie mit aufgerissenen Augen an.

Sie führte ihn in die Werkstatt und zeigte ihm die Rückseite des berühmten Gemäldes. Er beugte sich vor und sah die bisher versteckten Zeichnungen: Ein Pferdekopf, ein Schädel und ein Jesuskind mit einem Schaf.

„Dieser alte Geheimkünstler“, sagte er mit belegter Stimme.


2010 wurden bei dem Gemälde „Anna Selbdritt“ von Leonardo da Vinci auf der Rückseite drei bisher nicht entdeckte Zeichnungen gefunden.

https://www.tz.de/welt/geheime-botschaften-von-leonardo-da-vinci-70689.html

15 Gedanken zu “abc-Etüde, Hintergründig

  1. Ich finde deine Kunstetüden meist sehr gelungen, und diese hier macht keine Ausnahme. Ist denn inzwischen geklärt, ob/dass die Skizzen auf der Rückseite vom Meister höchstselbst stammen?
    Danke dir, ein toller Einstieg! 😁
    Vormittagskaffeegrüße 😁🌥️🌳🍃☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Die Botschaft ist eindeutig: Leo glaubte nicht an die Opferrolle des Kindleins und ließ es das Schaf halten um zu zeigen, daß es lieber als Hirte arbeiten, als als Erlöser keusch sterben wollte. Da es sich dabei um einen großen Teil von Gott handelte wußte es gleichzeitig, daß seine Sterbung unausbleiblich ist, was durch den Schädel (Totenkopf) vermittelt wird. Der Pferdekopf schließlich soll dem Spruch „das Denken den Schafen überlassen…“ in Verbindung mit der Amtskirche, eine neue Bedeutung zukommen lassen.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 42.43.21 | Wortspende von puzzleblume | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s