abc-Etüde, Marsseele

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf irgendwas ist immer

Nach guter Tradition werden die ersten Wörter nach dem Break immer von dem Etüdenerfinder (oder von mir) gespendet. Für die Textwochen 36/37 des Schreibjahres 2021 stammt die Wortspende von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr). Sie lautet:

Schlick
ominös
putzen.


Marsseele

Der Reiseleiter wartete geduldig, bevor die überdimensionale „Waschanlage“, wie sie sie hier alle nannten, den Mars-Schlick von den Raumanzügen der Reisenden geputzt hatte.

„Wir hoffen, die kleine Führung über die Oberfläche hat Ihnen gefallen. Wir wünschen Ihnen einen tollen Aufenthalt auf der Marsstation“, sagte der Reiseleiter.

„Es ist so toll, dass Menschen endlich auf dem Mars leben können“, sagte Ferdinand zu einem der Reisebegleiter.

Dieser sah ihn zögerlich an und verlor einen Moment sein freundliches Lächeln. Seine Gesichtszüge entglitten förmlich.

„Etwa nicht?“, fragte Ferdinand erstaunt. Er hatte drei Jahre lang für diesen Urlaub gespart.

Er schüttelte vorsichtig den Kopf.

„Warum nicht? Gefällt es Ihnen nicht? Sie leben doch hier, oder?“

„Nein.“ Er zögerte. „Und nein.“

Ferdinand sah ihn fragend an.

„Nein, ich lebe hier nicht. Wir Begleiter wechseln mit jeder Reisegruppe, spätestens aber bei der nächsten.“

Ferdinand zog die Augenbrauen hoch.

„Und nein, Menschen können hier nicht leben.“

„Was meinen sie damit, dass Menschen hier nicht leben können? Sie haben doch alles hier.“

Der Reisebegleiter stockte, doch Ferdinand ließ nicht locker.

„Die Menschen halten es hier nicht aus.“

„Wie meinen sie das?“

„Ok, aber sagen sie es nicht weiter, ja?“

Ferdinand nickte.

„Wir haben hier oben einen äußerst ominösen Anstieg der Selbstmordrate feststellen müssen. Wenn Menschen länger als sechs Monate hier oben verbringen, steigt die Kurve fast exponentiell an.“

„Das gibt es doch nicht!“

Der Reisebegleiter nickte. „Leider doch. Wir hatten in den letzten Jahre 46 Selbstmorde. Seitdem darf niemand länger als drei Monate auf Station sein.“

„Und woher kommt das?“

„Das weiß niemand. In den wissenschaftlichen Daten findet sich nicht der kleinste Hinweis. Es gibt lediglich die Aussage einer Schamanin, die hier gewesen sein soll.“

„Was hat sie gesagt?“

„Dass es hier keine Verbindung zur Erdseele gibt.“ Der Reisebegleiter versuchte ein Lachen, doch es blieb ihm im Halse stecken.

9 Gedanken zu “abc-Etüde, Marsseele

  1. Klasse Erzählung! Mir kommt es bisweilen so vor, als wandle sich die Erde bereits zum Mars mit den entsprechenden Folgen, weil wir dabei sind, die Erdseele auszutreiben. Vielleicht ist sie noch da, aber sie kümmert vor sich hin – und mit ihr die Menschen, Tiere, Pflanzen. Das sich verändernde Klima ist auch ein Ausdruck davon. .

    Gefällt 2 Personen

  2. Was für eine faszinierende Theorie, dass wir Menschen die räumliche Verbindung zur Erde/Erdseele brauchen, um überleben zu können! Wie überaus sinnvoll, politisch gesehen. 🤔
    Wie spannend aus der erzählerischen Sicht! 😉 Können Menschen mit dem/der Mars/Marsseele Kontakt aufnehmen und dadurch überleben, oder sind sie dazu nicht fähig – ich meine, es klappt auf der Erde ja auch nicht besonders? Spannend!
    Vergnügte Morgenkaffeegrüße 😁☁️🌻🌳☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

    1. Vielleicht ist der „Heimatbezug“ ja letztlich doch wichtiger, als wir bisher ahnten! Immerhin kommen viele nicht davon los. Wenn die Seelentheorie jedoch weiter auslegt wird, müsste natürlich auch der Mars eine Seele haben, aber ob diese mit uns kompatibel ist, das bleibt fraglich. Und ob wir den Mars pfleglicher behandeln als unsere Erde darf wohl bezweifelt werden.
      Kaffeegrüße 😊🙏🌻☕️🌼☕️🌸☕️

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.21 | Wortspende von Werner Kastens | Irgendwas ist immer

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