abc-Etüden – Sommeretüden – Loreley

Bild von Christiane

Das Etüdensommerpausenintermezzo II ist ein Schreibimpuls von Christiane.

Die Regeln:

1. 7 von 12 Wörter verwenden

2. Die Geschichte spielt, zumindest zu einem Teil, an einem echten Gewässer.

3. Die Textlänge ist dieses Mal nicht begrenzt.

Die Worte:

Dachbegrünung – Eigentor – Fliegenklatsche – Glühwürmchen – Konzert – Lebensgeister – Regen – Similaungletscher – Sommerloch – Wasserläufer – Wetterleuchten – Willkür


Loreley

Das Schiff war bereits seit einer Stunde unterwegs. In der prallen Sonne gestartet, waren sie Anfangs noch an einer ganzen Reihe von Stand-up-Paddlern vorbeigekommen, die wie seltsam aussehende Wasserläufer sich an den Rändern des Rheins bewegten. Einige von ihnen hatte die Bugwelle wie eine Fliegenklatsche getroffen, so dass sie sich nicht mehr auf ihrem Board hatten halten können und bei den Passagieren für die ein oder andere Schadenfreude gesorgt hatten. Das Deck war voll mit Menschen gewesen, die sich den Kaffee und den Kuchen oder auch schon ein frühes Bier schmecken ließen und sich über die Coronamaßnahmen, den Brexit oder eine Verordnung zur Dachbegrünung unterhalten hatten. Nur er war seltsam still gewesen, was seiner Frau selbstverständlich nicht entgangen war.

Nun stand er ganz allein im Regen auf dem Deck des Ausflugsschiffes, welches fast stoisch den Rhein entlang fuhr. Im letzten Jahr war er noch auf dem Similaungletscher gewandert und hatte sich an den autochthonen Weinsorten von Südtirol erfreut, doch in diesem Jahr war er schon froh, dass er das durch Corona drohende Sommerloch mit ein paar Tagen am Rhein stopfen konnte.

Er blickte auf die steilen Felswände auf der Uferseite. Nicht mehr lange und sie würden an der Loreley vorbeifahren.

Er konnte es kaum glauben. Vor fast genau 25 Jahren hatte er ganz oben, oberhalb der Loreley gestanden. Er war extra aus Berlin angereist und hatte sich hier mit Freunden aus seiner alten Heimat rund um Hannover verabredet. Sie wollten einmal diesen legendären Konzert-Ort sehen und was für einen besseren Grund hatte es geben können, als die hannoveranische Band Fury in the Slaughterhouse als special guest der Simple Minds. Es war der 2. July 1995 gewesen, er hatte seine alte Konzertkarte extra noch einmal herausgesucht. 50 Mark hatte er damals ausgegeben, was für ihn als Student eine Menge Geld gewesen war, von der Reise hierher ganz zu schweigen.

Ein Blitz zuckte über den gewitterwolkenbehangenen Himmel, doch es kam ihm eher so vor, wie ein sanftes Wetterleuchten, das ihm ein Stück seiner Vergangenheit erhellte.

Er konnte sich selbst sehen, wie er oben an der Klippe gestanden und auf den Rhein hinuntergeblickt hatte.

Er hörte im Hintergrund, wie die Instrumente für Fury gestimmt wurden. Er blickte hinab zu der Stelle des Rheins, an der die Lebensgeister so vieler Menschen erloschen sein sollen, weil sie von dem Gesang der Loreley oder dem Kämmen ihres goldenen Haares so abgelenkt waren, dass ihre Schiffe an den Felsen zerschellten. Er blickte hinunter und spürte einen magischen Sog, als würde er die Loreley singen hören.

Heute blickte er von unten hinauf und murmelte die Zeilen von Heinrich Heine leise vor sich hin: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.“ Heute würde ihm die Stimme der Loreley sicher nicht mehr gefährlich werden, dachte er, doch damals war sein Leben nicht gerade einfach. Und wenn er gewusst hätte, was in den Jahren darauf noch auf ihn zukommen würde, wüsste er heute nicht, ob er dann nicht doch dem Ruf gefolgt wäre.

Das Schiff war nun direkt an der Loreley angekommen und der Song „Every generation got its own disease“ und die Fortsetzung des Refrains mit „and I‘ve got mine.“ kam ihm in den Sinn. Er hatte das Gefühl mehr als nur eine Krankheit, mehr als nur ein Leiden bereits hinter sich zu haben. Wie viele könnten es wohl noch werden? Wer könnte schon sagen, wie viele noch kommen würden? Plötzlich spürte er ein deutliches Kribbeln in der Magengegend. Hatte er sich mit dieser Fahrt zur Loreley doch keinen romantische Gefallen getan, sondern ein Eigentor geschossen? Die Loreley hatte sich ihre Opfer nicht aus reiner Willkür ausgewählt, sondern gezielt die innerlich Schwankenden herausgesucht. So war er nach 25 Jahren zurückgekehrt und spürte erneut den Sog dieser Rheinfelsen. Zum Glück war nicht er es, der dieses Schiff lenkte und er hoffte sehr, dass der Kapitän gegen die Gesänge der Loreley immun war. Leise begann er im Regen die Simple Minds zu singen: „Don’t you forget about me; will you stand above me; Look my way, never love me; rain keeps falling, rain keeps falling; down, down, down.“

Inzwischen hatte das Schiff sicher die Loreley passiert. Er atmete auf. Nein, vergessen würde er die Loreley sicher nicht. Und er erinnerte sich noch an den Moment im Konzert, als sich bei „Time to wonder“ von Fury die Arena in ein Meer aus Feuerzeugen und Wunderkerzen verwandelte, die wie eine Armee aus Glühwürmchen im Takt hin und her schwangen. „Wont forget these days“, dachte er und endlich schaffte er ein kleines Lächeln.

6 Gedanken zu “abc-Etüden – Sommeretüden – Loreley

  1. Lieber Christian, ich bin mehr als einmal dort gewesen, an und auf der Loreley, bin mit dem Schiff an ihr vorbeigefahren und mit dem Auto, habe angehalten oder auch nicht … Toll hast du die Stimmung eingefangen! 😀 Auch die Gedanken deines Protagonisten mag ich sehr, ja, so ist das, wenn man seiner Vergangenheit wiederbegegnet, da mischt sich Fröhliches mit Traurigem. 😉
    Und die Konzerte auf der Loreley, ach! Die vergisst wohl niemand, der jemals dort war!
    Hab ganz herzlichen Dank, das ist ein Etüdensommerpausenintermezzo nach meinem Herzen! ❤
    Sommermorgenkaffeegrüße 😁⛅🌼🌳☕🍪

    Gefällt 2 Personen

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