abc-Etüde, Fehlerkultur

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 25/26 des Schreibjahres 2021 stiftete Monika mit ihrem Blog Allerlei Gedanken. Sie lauten:

Praline
herzhaft
wandern.


Fehlerkultur

Zögernd und suchend war er durch die Messehalle gewandert. Das Angebot schien einfach zu groß zu sein. Auf seinem Zettel standen genau fünf Typenbezeichnungen und er hatte seiner Frau versprochen, mit nicht mehr als diesen fünfen nach Hause zu kommen.

Um die meisten Tische herum gab es große Trauben von Menschen, die oft nicht gerade höflich versuchten, sich Platz zu verschaffen.

Der Stand, vor dem er nun zum Stehen gekommen war, schien besonders überlaufen zu sein. Er wollte gerade weitergehen, als sich eine Lücke bot und er sich etwas vordrängelnd an den Tisch schob. Er verschaffte sich einen Überblick und fand sofort eines der Dinge, nach denen er gesucht hatte. Vorsichtig nahm er den verpackten Gegenstand in die Hand.

„Na junger Mann, was kann ich für sie tun?“, fragte einer der Verkäufer.

„Das ist der Horch 853A von Praliné, oder“, fragte er, obwohl es deutlich auf der Verpackung stand.

„Nicht nur das“, betonte der Verkäufer. „Das ist das Jubiläumsmodell zum 25. Jahrestag.“

Er schaute sich das Modell so gut er konnte in der Verpackung an.

„Die Originalverpackung ist absolut makellos. Keinerlei Lagerspuren“; hob der Verkäufer hervor.

Er nickte. „Was soll er denn kosten?“

„125 Euro.“

„Was?“ Er hätte den Wagen fast fallen lassen. „Der Listenpreis liegt bei 12,50 Euro. Haben sie da vielleicht das Komma verschoben?“

Der Verkäufer lachte herzhaft. „Schauen sie mal hier“, sagte er und zeigte mit seinem Laserpointer auf das Reserverad. „Sehen sie, dass das Rad andere Speichen hat, als die übrigen vier Räder?“

„Na toll. Da haben die beim Zusammenbauen auch noch einen Fehler gemacht.“

„Exakt“, sagte der Verkäufer. „Und genau das ist der springende Punkt. Es ist vielleicht das einzige Modell dieser Art mit einem falschen Reserverad. Eine absolute Rarität also.“

Er sah den Verkäufer verblüfft an.


Die Modellbaufirma Revell vertrieb ab 1086 auch Modellautos im Maßstab 1/87 (zur H0-Modellbahn) unter dem Namen Revell-Praliné. Als Revell den Vertrieb einstellte, wurden die Autos nur noch unter dem Namen Praliné angeboten. Praliné wurde 1994 von Busch übernommen und es soll noch heute Praliné-Modelle der Firma Busch geben.

Ich selbst habe mal die Figuren der Überraschungseier gesammelt. Hier haben Figuren, die von der üblichen Bemalung abwichen, tatsächlich hohe Sammlerpreise erzielt.

18 Gedanken zu “abc-Etüde, Fehlerkultur

  1. Das ist wieder eine der Etüden, wo ich mir wünschte, du würdest sie auserzählen. Kauft er – oder kauft er nicht? Das absolute Einzelstück gegen die maximal 5 anderen, die er mitbringen darf? Schöne Geschichte – und wieder mal hast du etwas ausgegraben, von dem ich keine Ahnung hatte, dass es das gab. Etüden bilden, und speziell oft deine! Vielen Dank! 😀
    Vormittagskaffeegrüße! 😉

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      1. Liebe Monika, Christian schreibt seine Texte fast 100%ig mit offenem Ende. Und klar, das macht ihren Reiz aus. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht hin und wieder etwas anderes wünscht 😉
        Ich weiß nicht, was du mit „hier“ meinst, Christian oder die Etüden generell, aber ich freue mich mit dir, wenn du daraus neue Anregungen ziehst.
        Nachmittagskaffeegrüße! 😀

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      2. Liebe Christiane, ich freue mich, dass Du in den offenen Enden auch einen Reiz siehst. Ich muss gestehen. Wenn ich am Ende eines 400 Seiten-Romans kein Ende finde, dann bin ich enttäuscht. Aber so eine Etüde ist ein Ausschnitt, der vieles nur anreißen kann. Ich mag es, die Lesenden an die Hand zu nehmen, sie in den Wald der Geschichte zu führen und sie dann dort zurückzulassen. Ich finde, das erhöht den Abenteuerwert erheblich! 😊😊😊
        Abendgrüße 😊🙏🌻🛋🍷✨

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      3. Ich sehe das wie du: Etüden sind Kurzgeschichten sind Ausschnitte. Ausschnitte müssen keine Lösung präsentieren, aber sie können. Und manchmal wünsche ich mir, du würdest eine Frage auflösen, aber gerne dabei die nächste anreißen, sodass man nicht den Cliffhanger hat, sondern den Protagonisten folgen möchte …
        Aber das ist nur meine Meinung, ich sage nicht, dass das besser oder schlechter ist als deins. 😉👍

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      4. Kommt drauf an. Die klassische Definition von Cliffhanger ist das, was du machst: in einer Situation im spannendsten Moment aufhören. Würdest du aber andeuten, dass er das z. B. jetzt das Budget sprengt, das allerletzte Haushaltsgeld ausgibt und bestimmt zu Hause Stress bekommt, wäre das in meinen Augen kein Cliffhanger mehr.

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      5. Aber dann hätte ich die Situation noch verstärkt und man wüsste immer noch nicht, ob er es kauft. Ok, ich könnte es ihn kaufen lassen und andeuten, was ihn nun Zuhause erwartet. Aber auch das wäre doch ein Cliffhänger, oder?

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      6. Ich glaube so langsam verstehe ich, was du meinst. Eben nicht auf dem Höhepunkt sondern in einer angedeuteten Sequenz danach, die Geschichte auslaufen lassen. Hm, ich werde darüber nachdenken. Etüden sind ja auch zum Üben. 😊🙏🌻

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      7. Sammler sind, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, schon etwas eigentümlich, denn alle jagen hinter den seltenen Kostbarkeiten her wohlwissend, dass man in den meisten Fällen mehr Geld ausgibt als man später als Wert wieder einnehmen kann. Aber es geht eben vor allem um die Suche und die Jagd.
        Und ich mag es, dass die Geschichte im Kopf der Lesenden zu Ende gehen.
        Viele Grüße
        Christian
        😊🙏🌻

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    1. Liebe Christiane, ich kann Dir versichern: ein echter Sammler würde, wenn.er es sich annähernd leisten könnte, sich eine solche Gelegenheit kaum entgehen lassen, denn eigentlich wird man ja genau darum Sammler. Man möchte die Raritäten haben und nicht das, was alle haben.
      Abendgrüße 😊🙏🌻🛋🍷✨

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      1. Logisch, wenn er ein echter Sammler ist und und seine Sammlung nicht erst im Aufbau begriffen ist, muss er diese Rarität haben 😁, das verstehe ich dann absolut 👍
        Abendgrüße zurück 😉🍷🥨🧀👍

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  2. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo 2021 – Hinter den Kulissen | Irgendwas ist immer

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