abc-Etüde, Abgetrennt

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 20/21 des Schreibjahres 2021 stiftete Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Sie lauten:

Baracke
lau
widerfahren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Abgetrennt

Er klopfte sich den Dreck von den Handflächen. „Wenn das Gras erstmal zugewachsen ist, wird hier niemand mehr eine ehemalige Straße vermuten.“

„Ja, wenn die Büsche und Bäume gut anwachsen, wird niemand mehr erkennen, dass hier eine Abzweigung war.“

„Damit haben wir uns nun endgültig von der Außenwelt abgeschnitten.“

„Und niemand wird jemals erfahren, was dem kleinen Örtchen Alt-Zellin widerfahren ist.“

Die beiden Männer nickten sich zu, drehten sich und gingen mit der Kreuzung im Rücken über die neugepflanzte Wildwiese. Bis vor zwei Monaten verlief hier noch eine Landstraße. Diese hatten sie irgendwann einfach gesperrt und das Ortshinweisschild entfernt. Vor vier Wochen hatten sie dann begonnen die Straße abzureißen. Mit den Resten schufen sie einen neuen kleinen Trümmerberg, der den Blick nach Osten etwas abschirmte.

Die beiden Männer erreichten ihre abgestellten Fahrräder und setzten ihren Heimweg fort, in dem sie gemütlich nebeneinander auf einem holprigen Feldweg fuhren.

Aus dem lauen Sommermorgen war inzwischen ein heißer Sommertag geworden. Am Horizont tauchte eine kleine Siedlung auf. Die Feldsteinkirche wirkte in der Mittagssonne fast etwas unwirklich.

Das ehemalige Herrenhaus daneben sah aus wie gemalt. „Kaum zu fassen, was wir aus dieser alten Baracke gemacht haben.“

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir nun ein eigenes Dorf haben. Eines, dass von außen quasi nicht mehr zu erreichen ist.“

„Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.“

Die beiden stoppten abrupt. „Wer ist das dort an der Kirche?“

„Das ist niemand von uns. Wie hat der Kerl nur hierher gefunden?“

„Wir wussten doch immer, dass es irgendwelche Kinder geben könnte, die irgendwann ihr Heimatdorf suchen könnten.“

„Was machen wir jetzt?“

„Wir machen, was wir besprochen haben. Wir sorgen dafür, dass dieses Dorf ein Geheimnis bleibt“, sagte er und begann zügig auf den Fremden zuzuradeln.

7 Gedanken zu “abc-Etüde, Abgetrennt

  1. Oho!!! 😁
    Dieses Mal gibt dein berühmtes offenes Ende zu allerlei Spekulationen und Gedankenspielen Anlass, nicht nur, was mit dem Fremden geschieht, generell zur Konzeption von „Wir haben ein Dorf“. Spannend.
    Schade, ich wüsste echt gerne mehr 🤔😉👍
    Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Sehr spannend! Die Idee, ein eigenes Dorf oder ggfls eine Insel haben zu wollen, grassiert ja grad. („grassieren“ passt hier ganz gut). Bleibt die Frage nach den Außenverbindungen, nicht nur hinsichtlich ungebetener Gäste, sondern auch Strom, Wasser, Konsumgüter, Steuern, Krankenkassen….Wie sind sie zu kappen und ggfls zu ersetzen?

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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