abc-Etüde, Raus

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 20/21 des Schreibjahres 2021 stiftete Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Sie lauten:

Baracke
lau
widerfahren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Raus

Er warf einen letzten Blick in die Baracke, in der er die letzten drei Jahre weitestgehend gewohnt hatte. Eine Mischung aus Wehmut und Freude verschaffte ihm eine Gänsehaut.

Er war froh, diesen Ort endlich zu verlassen. Sicher, er war freiwillig hier. Anfangs hatte er diese Mission für wichtig und wertvoll erachtet. Im Grunde tat er dies immer noch, aber mit jedem Tag empfand er sein Tun hier als sinnloser und mit jedem Tag wuchs die Angst.

Er schloss die Tür, warf seinen Sack über die Schulter und ging zum Landeplatz. In einer halben Stunde würde er im Hubschrauber und in drei Stunden im Flieger nach Hause sitzen. Plötzlich erschien ihm jede dieser Minuten als eine Minute zu viel.

Fast sechzig Menschen hatten hier ihr Leben gelassen, davon 35 durch sogenannte Fremdeinwirkung. Fremdeinwirkung, was für ein verharmlosendes Wort für das, was diesen Menschen widerfahren war. Schlussendlich war dies eine Friedensmission in einem Kriegsgebiet.

Als er vor drei Jahren hier das erste Mal vor der Fahne salutiert hatte, da hatte er sich gefreut Teil von etwas Großem zu sein. Drei Jahre und nun schienen ihm die letzten drei Stunden viel zu viel zu sein. Er stellte am Sammelpunkt seinen Sack ab, holte sich noch ein letztes mal eine Tasse von dem lauen und viel zu dünnen Kaffee und ging auf dem Exerzierplatz auf und ab.

Die Zeit kroch dahin.

Endlich wurde der Helikopter beladen, der ihn und seine Kameradinnen und Kameraden zum Flughafen bringen sollte. „Die Flugabfertigung ist hier noch langsamer als am BER“, scherzte einer seiner Kameraden.

Er schüttete den Rest seines Kaffees in den Sand, ihm war ohnehin flau genug im Magen.

Als der Helikopter abhob, warf er einen letzten Blick auf die Baracke. Noch war er hier nicht lebend rausgekommen.


Laut der Bundeswehr gab es in Afghanistan 59 Tote, 35 durch Fremdeinwirkung und 24 durch sonstige Umstände. (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/193958/umfrage/todesfaelle-bei-bundeswehrangehoerigen-im-einsatz-nach-einsatzgebiet/)

4 Gedanken zu “abc-Etüde, Raus

  1. Wer A sagt, muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war … 🤔
    Nun erwarte ich nicht, dass ein Zeitsoldat aus seinem Job aussteigt, vor allem, da (wie ich denke) da eine Menge Überzeugung mit hineinspielt. Aber dass jemand mit einer großen Menge Zweifel aus einem derartigen Einsatz heimkehrt, das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich wünsche ihm ein friedliches Leben zu Hause. 🤔😉😁
    Pfingstmontagmorgenkaffeegrüße 😁🌤️☕🍩👍

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich kann mir auch Vorstellen, dass man mit viel Überzeugung startet, aber dann feststellen muss, dass nicht alles so läuft wie angekündigt. Dann entstehen erste Zweifel die wachsen, wenn man dann auch Entscheidungen erlebt, die nicht dem eigentlichen Ziel entsprechen, sondern anderen Zielen folgen. Und dass man dann, nicht schnell genug wegkommen kann, dass habe ich mir so vorgestellt.
      Friedliche Pfingstgrüße 😊🙏🌻

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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