abc-Etüde, Surrealer Torso

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Die Wörter für die Textwochen 20/21 des Schreibjahres 2021 stiftete Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Sie lauten:

Baracke
lau
widerfahren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Surrealer Torso

Mit etwas Ehrfurcht betrat er an einem lauen Frühlingstag im Jahr 1927 das kleine Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron 46 in der Nähe des Montparnasse.

Als Sohn eines Malers im Jahr 1901 geboren, war ihm die Kunst mit in die Wiege gelegt. 1914 modellierte er seine ersten Bildnisköpfe und 1915 malte er sein erstes Ölgemälde.

Nach einer Krise durch eine unerwiderte Liebe zog es ihn nach Paris an die Académie de la Grande Chaumière wo er bis 1927 studierte, auch wenn er oft eher durch Abwesenheit glänzte.

Jetzt stand er hier in diesen 18 m², von denen es später unzählige Fotografien geben würde, die sein Arbeiten und Werken dokumentierten. Der kleine Raum würde im Laufe der Jahre, gefüllt mit Plastiken und Skulpturen in surrealen Formen, den Charakter einer Höhle annehmen.

Er schritt durch sein neues Refugium, welches von nun an das Zuhause von ihm und seinem Bruder, der ihn inzwischen bei der technischen Umsetzung seiner Skulpturen unterstützte, sein würde.

Er war noch auf der Suche nach seinem eigenen Stil. Seine aktuellen Arbeiten folgten dem Kubismus, doch er experimentierte zwischen realistisch-dreidimensional und primitivistisch anmutenden Darstellungen sowie mit Geometrisierung und sukzessiver Vereinfachung.

Zwei Jahre zuvor hatte er mit seiner Erstfassung des „Torso“ am Salon des Tuileries debütiert. Das aus drei Zylindern zusammengesetzte kubistische Werk deutete mit einer kleinen runden Vertiefung einen Nabel und mit einem eingravierten Kreuz eine Scham an.

Er sah sich, nicht wissend, dass er hier in dieser später berühmten Atelier-Baracke seinen Durchbruch widerfahren würde, um. Zwei Jahre später würde hier sein Lieblingsstück „Tête qui regarde“ entstehen. Die Rätselhaftigkeit und Originalität dieser Arbeit würde auch die Neugier der Galerie Jeanne Bucher wecken und er würde seine erste Sammlerin gewinnen.

Zwei weitere Jahre später würde er für mehrere Jahre der wichtigste Bildhauer des Surrealismus werden.


Aus dem Leben von Alberto Giacometti, der, so war zu lesen, in einer Atelier-Baracke gewohnt und gearbeitet hat.

7 Gedanken zu “abc-Etüde, Surrealer Torso

  1. Hey, Etüden bilden, ich sage es ja immer wieder! Sehr schöner Kurzabriss/Einführung, ich habe sofort die Wikipedia konsultiert, um ein bisschen weiterzulesen und zu schauen. 😁👍
    Vielen herzlichen Dank! 👍
    Morgenkaffeegrüße 😁🌦️☕🍩👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Es ist schön, die Geschichte von einem Menschen zu lesen, der die Welt auf seine ganz eigene Weise sehen und darstellen konnte und der daran festgehalten hat, auch unter Schwierigkeiten. Und schön auch, dass er damit dann Erfolg hatte, aber das ist nicht die Hauptsache.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 22.21 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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