abc-Etüde, Gehorsamer Widerstand

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Nach guter Tradition werden die Wörter im Break immer von dem Etüdenerfinder oder von mir gespendet. Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 haben wir uns zusammengetan. Die Wörter stammen also von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Gehorsamer Widerstand

Vorsichtig sah sie sich um. Es waren nur wenige Spaziergänger unterwegs, nur wenige mögliche Zeugen. Gleich würde sie ein Vergehen begehen und sie wusste es. Sie wollte es. Sie hatte sich ganz bewusst dafür entschieden, die Verordnung zu missachten. Man konnte sich ja schließlich nicht alles vorschreiben lassen. Was Zuviel war, war eben Zuviel.

Sie spürte das Ziehen am Lederriemen in ihrer Hand. Gleich würde sie loslassen, sie haltlos ziehen lassen. Das war doch nur natürlich. So etwas konnte und durfte doch nicht eingeschränkt werden. Eine solche Beschränkung wäre Quälerei. Und doch war genau das passiert. Die Stadtverordnetenversammlung hatte entschieden, und plötzlich war sie jemand, der eine Ordnungswidrigkeit begeht, aus reiner Überzeugung. Nein, diese Entscheidung könnte und würde sie nicht akzeptieren. Sie würde sich dagegen wehren und sie ganz gezielt nicht befolgen. Sie hielt sich sonst immer an die Regeln, aber diese Regel hielt sie für völlig überzogen. An dieser Stelle haben sich die sogenannten Experten geirrt. Diese Verordnung war wider die Natur.

Sie sah sich noch einmal um und zog den Sonnenhut etwas tiefer ins Gesicht. Irgendwie war es doch ein komisches Gefühl. Obwohl sie wusste, dass sie Unrecht tat, fühlte sie sich, als hätte sie das Recht auf ihrer Seite.

Sie beugte sich herunter, löste den Karabiner und ließ geschehen, was nicht geschehen durfte. Ihre Hündin Sheila lief sofort los und rannte umher. Sie sah ihr nach und massierte ihre Hand, die von Sheilas zerren an der Leine etwas verkrampft war. Oder war sie doch verkrampft, weil sie nun jeden Moment mit einer Ordnungsstrafe rechnen musste?


Inspiriert von einem Bericht über eine Gruppe „Verordnungsbrecher*innen“, die sich gegen den generellen Leinenzwang für Hunde in einem Stadtbereich wehren.

13 Gedanken zu “abc-Etüde, Gehorsamer Widerstand

  1. Zu der Sache kann ich nichts sagen, zu dem Gefühl, plötzlich „kriminell“ zu sein, weil man eine (als nicht sinnvoll empfundene) Vorschrift übertritt, schon. Sehr schön formuliert, sehr nachvollziehbar, gefällt mir sehr. 😉
    Morgenkaffeegrüße! 😀

    Gefällt 3 Personen

  2. Als Hundebesitzer- und ehemalige Grosstradtbewohnerin ist mir die Thematik vertraut und damals konnte ich mich auch kaum entscheiden, wer mir mehr auf die Nerven ging, die im Auftreten leider allzu hämische Parkaufsicht, oder die Hundebesitzer, die mit dem Verhalten ihrer unerzogenen Hubnde überhaupt erst solche Verordnungen notwendig werden liessen. Das Thema ist uferlos, führt aber auch vor Augen, dass Nachteile für viele nur allzu oft von wenigen verursacht werden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, die Seiten doch recht unterschiedlich besetzt. Dabei habe ich meine Position als Nicht-Hundebesitzer und sogar als jemand der Angst hat vor Hunden, noch gar nicht mit ins Spiel gebracht. Aber selbst ich erkenne sehr schnell, wer mit seinem Hund eine Einheit bildet und wer nicht.

      Gefällt 1 Person

  3. Ha, das war eine spannende Geschichte – ganz nach meinem Geschmack…. dachte schon jetzt käm was echt Schlimmes (heutzutage kriegt man ja schon eine Ordnungsstrafe fürs frei atmen).
    Also Widerstand war das ja nicht gerade 😉
    Ich warte übrigens jetzt seit 2 Wochen auf meine Ordnungsstrafe, weil ich in einen Kessel bei der Demo geraten bin. Mal sehen ob da noch was kommt. Die sind zur Zeit echt überlastet, die Ordnungsgelderverordner…. wenns kommt, dann kriegn sie noch mehr Arbeit, dann reich ich Widerspruch ein….. 😉

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  4. Danke dir, Christian.
    Nur so viel: Für mich stellt sich die Frage, wer die Verantwortung trägt für immer mehr Verordnungen und Leinenzwang in diesem Bereich. Ansonsten hätte ich einiges dazu beizusteuern, aber das werde ich mir lieber verkneifen.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 16.17.21 | Wortspende von DORO|ART | Irgendwas ist immer

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