abc-Etüde, Der Berg ruft

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer.

Nach guter Tradition werden die Wörter im Break immer von dem Etüdenerfinder oder von mir gespendet. Für die Textwochen 14/15 des Schreibjahres 2021 haben wir uns zusammengetan. Die Wörter stammen also von Ludwig Zeidler (bloggt nicht mehr), und Irgendwas ist immer. Sie lauten:

Sonnenhut (ist übrigens auch eine (Heil-)pflanze, Echinacea)
haltlos
massieren.

Wie immer an dieser Stelle der Verweis auf den Etüden-Disclaimer. Die Headline für die Etüden heißt: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.


Der Berg ruft

Er machte eine kleine Pause. Er musste aufpassen, dass die kleine Gruppe von Bergwanderern nicht den Anschluss verlor. Diese sechs Menschen waren aber auch besonders langsam dieses Mal.

Vor zwei Stunden hatten sie das Biwak verlassen. Wenn sie nicht in spätestens einer Stunde am Gipfel sein würden, hätten sie nicht mehr genug Zeit, um noch bei Tageslicht ins Tal zu kommen. Wie waren diese Menschen nur auf die Idee gekommen, den Sechtausender besteigen zu wollen? Sicher, der Күн капкак, oder auch Sonnenhut, war der touristisch erschlossenste Berg des kirgisischen Alatau. Aber es war immer noch ein Sechstausender.

An manchen Tagen verzweifelte er an seinem Job. Nicht, dass er jemals Bergführer hatte werden wollen, aber irgendwie musste er ja seine kleine Familie ernähren. Schlimm genug, dass er im Dorf inzwischen gemieden wurde, weil er die längst verhassten Touristen auf den Berg führte. Die Dorfältesten verachteten ihn dafür, weil die Touristen nur Müll in die Berge trugen und mit ihren schweren Stiefeln und Steigeisen eine Schneise der Verwüstung in die majestätischen Berge schlugen. Früher hätte er sich gegen solche Vorwürfe gewehrt, hätte sie als haltlos bezeichnet. Heute wusste er, dass die Wahrheit viel schlimmer war.

Inzwischen hatte er bei jeder seiner Touren einen zweiten Rucksack dabei, um den Müll seiner Berggruppen weitesgehend wieder mit ins Tal zu tragen. Diese Menschen hatten einfach keinen Respekt vor dem Berg. Alles was sie wollten, war ein Selfie mit dem Gipfelkreuz.

Er wollte gerade weitergehen, als ein Mann „Stop“ rief. Er hatte einen Krampf im Bein. Zwei andere Männer halfen ihm sich zu setzen und massierten seine Wade. Die kleine Gruppe setze sich um ihn herum und legte eine weitere Rast ein.

Allein wäre diese Gruppe hier völlig verloren und irgendwie hätte sie es auch verdient, dachte er bei sich und sah auf die Uhr.


Nachtrag:

Ok, es gibt in Kirgisien keinen Berg namens Sonnenhut, aber dass es eine der ärmsten Bergregionen weltweit ist, das stimmt. Und dass der Bergtourismus immer skurrilere Formen annimmt auch. Und wenn mich das Übersetzerprogramm nicht getäuscht hat, heißen die Zeichen im Text tatsächlich Sonne & Hut.

7 Gedanken zu “abc-Etüde, Der Berg ruft

  1. Ich dachte, dass im Kleingedruckten jedes ernsthaften Bergwanderers inzwischen stünde, dass Müll wieder mitzunehmen ist. Andererseits: Es ist mehr als vorstellbar. Und dass der Guide seinen Job manchmal hasst, auch. Die Frage ist nur, was er tun wird, denn eigentlich muss er seine Gruppe in relativ kurzer Zeit umdrehen lassen, wenn er ihre Sicherheit gewährleisten will. 🤔
    Hier mag ich dein offenes Ende ausgesprochen gern. 😉
    Morgenkaffeegrüße 😁☁️☕🥐☕🍩🌼👍

    Gefällt 1 Person

    1. Ist das so? Gilt das nicht überall? Ich muss in letzter Zeit vermehrt feststellen, dass in allen Grünstreifen in der Umgebung hier immer wieder große Müllsäcke auftauchen. Ich frage mich immer, wenn man sich solche Mühe macht, ob man sie dann nicht gleich richtig entsorgen könnte, aber vermutlich verstehe ich da wieder irgendwas nicht.
      Viele Grüße

      Gefällt 3 Personen

      1. Es gibt unglaublich viele Idioten, die denken, die könnten alles fallen lassen, wo auch immer sie stehen, ja. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass diese Sorte Idiot auf Sechstausender klettert (und hoffe, dass ich recht habe). Wo der Massentourismus hinkommt, ist es auf jeden Fall ein Problem.
        Grüße zurück! 😀

        Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 16.17.21 | Wortspende von DORO|ART | Irgendwas ist immer

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