abc-Etüde, Ausgeklammert

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 06/07 des Schreibjahres 2021 stiftete zum ersten Mal Torsten mit seinem Blog Wortman. Sie lauten:

Affe
neu
blockieren.


Ausgeklammert

Das würde nicht leicht werden, das war ihr klar. Sie sah zögerlich zu seinem Fenster hoch. Inzwischen war sie sich sicher, dass es sein musste. Es war quasi alternativlos. Seit Wochen fühlte sie sich innerlich blockiert. Sie hatte das Gefühl, als könne sie nicht mehr frei atmen, geschweige denn sich frei bewegen. Sie wollte schreien, doch es fühlte sich an, als hätte sich etwas auf ihren Mund gelegt. Sie musste sich von ihm lösen. Dies war doch ihr Leben, mit ihren Entscheidungen. Sie wollte Fehler machen und scheitern dürfen, ohne dass jemand ihr schon vorher alles ausredete oder sie ständig an der Hand hielt oder ihr eine Matratze ausrollte, damit sie weich fiel. Oder noch schlimmer, ihr sagen, was sie zu tun und zu lassen hätte.

Anfangs war es ja schön, jemanden so nah bei sich zu haben. Es war ein neues und schönes Gefühl. Sie fühlte sich verstanden, aufgehoben, beschützt und umsorgt. Dieses sorglos sein, weil sich jemand anders sorgte und kümmerte, entführte sie in eine angenehme Form der eigenen Entspannung. Doch mehr und mehr nahm es ihr die Luft. Mehr und mehr, war er zu einem echten Klammer-Affen geworden. Er ließ sie nicht mehr los. Er schränkte sie ein. Er ließ sie nicht mehr aus den Augen. Er kontrollierte sie. Er begann Vorschriften aufzustellen. Er hatte sogar schon Strafen eingeführt.

Sie spürte ihre Freiheit, ja sogar ihr eigenes Leben schwinden. Sie hatte das Gefühl, dass es sie selbst kaum noch gab. Als würde sie sich in dem wir, dass er immer betonte, auflösen. Es gab nur noch ein wir und die anderen, als wären die anderen etwas Böses und Unerwünschtes.

Nein, sie würde es hier und heute beenden. Als sie die Wohnung betrat, kam er ihr mit einem Strauß Rosen entgegen.

16 Gedanken zu “abc-Etüde, Ausgeklammert

      1. Weil eine Besitzergreifungen Liebe eben auch viel besser in diese Gesellschaftsordnung passt, als eine freie, loslassende, gewährende Liebe. Wenn es denn überhaupt Liebe ist. Manchmal so erscheint es, sind Partner*innen nur Statussymbole.
        Danke 😊🙏🌻

        Gefällt 1 Person

  1. Oh-oh. Wenn er das nicht gut aufnimmt, und wenn er schon Strafen (!!!) eingeführt hat, ist das sehr wahrscheinlich, dann schwebt sie in größerer Gefahr, als sie vermutlich denkt. Raus da, aber schnell, und unbedingt mit jemandem darüber sprechen, damit sie Zeugen hat. 🤔
    Besorgte Morgenkaffeegrüße ostwärts 😁❄️☕🍪👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Die Zuviel-Liebe ist genauso erstickend wie die Zuwenig-Liebe erkältend ist. Das gilt nicht nur in Partnerschaften, sondern auch in Eltern-Kind-Beziehungen. Bei letzteren ist es sogar noch schimmer, weil man sie nicht wirklich verlassen kann.
    Andre Gide hat den Verlorenen Sohn interpretiert als Jemanden, der zuviel geliebt wurde.

    Gefällt 1 Person

  3. Rebecca

    Ich denke hier weniger an physische Gewalt. Eher eine Beschränkung der eigenen Freiräume. Ich erlebe, dass einige nicht mehr allein ihre Wege gehen können. Das eigene Denken verlernen und nur nachplappern, was Ihnen zu Hause, wie von einem Guru eingetrichtert wird.

    Gefällt 2 Personen

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 08.09.21 | Wortspende von wortgeflumselkritzelkram | Irgendwas ist immer

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