#abc-Etüde, Quellenschutz

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 47/48 des Schreibjahres 2020 stiftete (endlich mal wieder) Ulli Gau mit ihrem Blog Café Weltenall. Sie lauten:

Quelle
griesgrämig
stöbern.


Quellenschutz

Als er sein Büro betrat, sah er seinen Chef, der gerade in seinem Schreibtisch stöberte, er durchwühlte ihn geradezu.

„Hey, was soll das?“, rief er völlig irritiert.

Sein Chef sah ihn streng an. Das sonst eher träge und griesgrämige Gesicht war knallrot und verzerrt vor Zorn. Die Haare standen ungewohnt wild und struppig ab und sogar seine sonst so perfekt sitzende Krawatte war bereits deutlich gelockert.

„Sind sie von allen guten Geistern verlassen worden“, schrie der Chef ihn an.

Er hielt den Atem an. Er wusste, dass er mit seinem Artikel eine Bombe platzten lassen würde, aber mit dieser Reaktion seine Chefredakteurs hatte er nicht gerechnet.

Zwei Aktenordner fielen zu Boden, als sein Chef weitersuchte.

„Sagen sie mir sofort, woher sie das haben. Woher haben sie diese Informationen?“

„Chef, sie wissen doch. Wir geben unsere Quellen nicht preis. Ich kann ihnen versichern …“

„Oh nein“ sagte der Chefredakteur und kam auf ihn zugestürmt. Er baute sich direkt vor ihm auf. Auge in Auge.

„Ich werde diesen Artikel nicht drucken, wenn ich nicht weiß, woher sie die Informationen haben. Niemals! Ist das deutlich genug?“

„Chef, wirklich. Ich kann nicht sagen woher ich die Informationen habe, aber ich verspreche ihnen, die Quelle ist absolut zuverlässig und direkt in die Geschehnisse involviert. Aber wenn ich sie preisgebe, dann ist sie ihres Lebens nicht mehr sicher.“

„Ja und wir werden eine Klagewelle erleben, die wie ein Tsunami über uns hereinbrechen wird. Pulitzer Preis oder unbekannte Parkbank, was ist Ihnen lieber?“

„Chef, da stecken vier Monate harter Recherchearbeit drin. Kommen sie mir jetzt nicht so.“

„Ich werde es ohne die Herausgabe ihrer Quelle nicht drucken. Also raus damit oder packen sie ihre Sachen.“

Er schluckte.

10 Gedanken zu “#abc-Etüde, Quellenschutz

  1. Gute Geschichte und spannend! Aber was nicht stimmt: Eine Story von einer derartigen Tragweite macht keiner allein. Wenn einem als Schreiber klar wird, dass damit „eine Bombe platzen“ würde, dann sichert man sich vorher ab. Das passiert sogar in Lokalredaktionen – und er ist ganz offensichtlich kein freier Mitarbeiter … 😉
    Danke dir sehr, sehr gerne gelesen!
    Morgenkaffeegruß 😀

    Gefällt 3 Personen

  2. Pingback: Fazit Textwochen 47.48.20, willkommen Adventüden 2020! | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s