#abc-Etüden, Der Wächter

Die abc-Etüden sind eine Schreibeinladung von Christiane auf: irgendwas ist immer

Die Wörter für die Textwochen 45/46 des Schreibjahres 2020 stiftete zum ersten Mal Kain Schreiber mit seinem Blog Gedankenflut. Sie lauten:

Nachtlicht
lieblich
teilen.

3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/11/01/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-45-46-20-wortspende-von-kain-schreiber/


Der Wächter

Wie jeden zweiten Abend gab er seiner Frau und seiner Tochter einen Kuss in der Hoffnung, dass er sie am nächsten Morgen wiedersehen würde. Dann machte er sich auf den Weg durch die dunkler werdenden Gassen, bis zum großen Tempel der Seherin. Die Wachen nickten ihm zu und ließen ihn ein. Sie kannten ihn, denn er hatte diese Aufgabe schon ungewöhnlich lange. Sein neuer Gefährte, mit dem er sich die Aufgabe teilte, hatte erst vor einer Woche angefangen. Insgesamt war es sein 42. Gefährte. Manche schafften drei Jahre, manche keine drei Tage.

Er war nun bereits seit sechzehn Jahren dabei. So lange hatte es vor ihm noch keiner geschafft. Er hatte sich die Aufgabe nicht ausgesucht. Nachdem er das dritte Mal beim Diebstahl erwischt worden war, durfte er wählen: sie würden ihm beide Hände abhacken oder er würde Nachtlichtwächter werden. Er hatte keine Sekunde gezögert.

Er betrat den Raum, in dem das ewige Feuer brannte und nickte der Feuerwächterin zu. Er nahm wie jeden zweiten Abend die Fackel, entzündete sie am Feuer und trug sie bedeutungsschwer vor sich her. Er musste in den Gemächern der Seherin sein, bevor es ganz dunkel sein würde.

Vor der Tür angekommen holte er noch einmal tief Luft. Er würde hineingehen, das kleine Nachtlicht an der Kaminseite entzünden, den Raum wieder verlassen, die Feuerwächterin ablösen und bis zum Morgen das ewige Feuer bewachen. So weit so gut. So ging das seit sechzehn Jahren. Doch die Gefahr lag im Detail. Beim Entzünden des Nachtlichts würde der Feuerschein das liebliche Gesicht der Seherin für einen Moment erhellen. Es war unmöglich, sie dann nicht anzusehen. Sollte sie jedoch die Augen öffnen und ihn erblicken, wäre er des Todes.

Er atmete aus und öffnete die Tür.

20 Gedanken zu “#abc-Etüden, Der Wächter

  1. Ich hab es auch sehr gerne gelesen, aber zugleich habe ich mich gewundert, was für verrückte Regeln wir Menschen uns ausdenken und wie schwer wir uns das Leben damit machen. Esbeginnt mit dem Begriff Eigentum (er hat gestohlen), setzt sich fort in der Strafe (Hände abhacken) und im Todesurteil, falls man die schlafende Hüterin weckt und gesehen wird. Wieviele wurden aus diesem Grund getötet! Wer ist sie? Vielleicht der klare Verstand, der sagt: diese Ordnung ist nicht vernünftig, sie ist unmenschlich, man muss sie abschaffen. Ein Kopf, der aufwacht und so denkt, wird abgeschlagen. Inquisition.und Aufklärung.

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    1. Ja, man fragt sich, woher so komische „Traditionen“ kommen, die entgegen aller menschlichen Logik sich trotzdem über Generationen fortsetzen, auch heute noch! All die möglichen Ereignisse in der Geschichte sind ja nicht wirklich erfunden. Und die „Regelverstöße“ für eine Todesstrafe, sind ja auch erschütternd. Grundsätzlich frage ich mich ja, warum wir ein Strafsystem haben, dass dem Gesellschaftssystem eher schadet als ihm hilft. Was lernen Menschen denn im Gefängnis? Nicht wenige werden hier erst richtig kriminell. Warum ist unser Strafsystem nicht darauf ausgerichtet, den „Schaden“ an der Gesellschaft wieder auszugleichen? Sicher gibt es Menschen,die man zumindest zeitweise separieren muss, aber bei den meisten wäre es doch viel sinnvoller, wenn sie mit einer der Gesellschaft nützlichen Tätigkeit ihre Strafe abarbeiten. Was hätte eine Gesellschaft von einem Menschen, deren Hände wegen Diebstahl abgehackt worden wären? Welchen gesellschaftlichen Beitrag könnte so jemand noch liefern, davon abgesehen, dass er für den Rest seines Lebens gekennzeichnet wäre?

      Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 47.48.20 | Wortspende von Café Weltenall | Irgendwas ist immer

  3. Pingback: abc-Etüden, Der Wächter, Teil 2 – wortverdreher

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