#abc-Etüden, Wachstum

Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.20 | Wortspende von Werner Kastens

Die Wörter für die Textwochen 41/42 des Schreibjahres 2020 stiftete Werner mit seinem Blog Mit Worten Gedanken horten. Sie lauten:

Landvermesser
undankbar
aussetzen.

3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/10/04/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-41-42-20-wortspende-von-werner-kastens/


Wachstum

Er stellte sein Vermessungsgerät auf und kramte sein Notizbuch heraus.

Er nahm sich für die erste Vorabmessung immer etwas mehr Zeit, um das Terrain ein wenig selbst zu erkunden. Ohne Begleitung und Zeitdruck.

Er justierte seinen Theodolit, während sein Blick über die Brache glitt. Irgendwie war es ja auch ein kleines Großstadtidyll.

„Was machen Sie denn da?“

Er spürte, wie sein Herz einen Moment aussetzte. Er sah einen älteren Mann eilig auf sich zukommen.

„Was machen Sie hier“, fragte der Mann mit lauter Stimme.

„Ich arbeite“, sagte er etwas verunsichert.

„Vermessen Sie da etwas?“

„Ja. Ich bin Landvermesser.“ Er drehte sich seinem Theodolit zu, um das Gespräch zu beenden.

„Ulf?“ erklang es plötzlich hinter ihm. „Ulf, hier ist Achim. Stell dir vor, die beginnen schon mit der Vermessung … wer? Na diese scheiß Wohnungsgesellschaft. … ja sicher. Ruf alle zusammen, ich bin an der Brache … bis gleich.“

Er begann zu schwitzen. Er hatte schon gehört, dass es Widerstand gegen das Wohnprojekt gab, aber was hatte er denn damit zu tun. Er atmete durch und wollte seine Messung schnell abschließen und verschwinden. Plötzlich trat der alte Mann gegen den Theodolit.

„Hey, was soll das? Wissen Sie was so ein Gerät kostet?“

„Ich sag Ihnen eines: Verschwinden Sie! Je eher, desto besser.“

„Hören Sie, ich habe damit doch nichts zu tun. Ich mache hier nur meinen Job.“

Ein Wagen hielt an der Straße, vier Personen stiegen aus und eilten herbei.

„Das ist der Kerl“, sagte der Mann.

Ihm wurde langsam mulmig. Sie umringten ihn, schubsten ihn etwas.

Der kalte Schweiß ran ihm über den Rücken. Er griff seinen Theodolit, lief zum Auto, sprang hinein und startete den Wagen: „So ein undankbares Pack“, dachte er. Immerhin sollten hier Wohnungen und Arbeitsplätze entstehen.

Er atmete tief durch, als ein Stein gegen die Scheibe knallte.

22 Gedanken zu “#abc-Etüden, Wachstum

  1. Oh. Ja, das kann passieren, dass man zwischen die Fronten gerät. Sehr gekonnt, wie du die Standpunkte aufeinanderprallen lässt. Gefällt mir sehr. 👍
    Bin mir bloß nicht sicher, ob man so ein Gerät einfach greifen und wegrennen kann – mit Stativ? Ist das nicht zu schwer? 🤔
    Morgenkaffeegruß 😁☕🥞🌧️👍

    Gefällt 1 Person

      1. Theodolite scheinen ca. 4 bis 5 Kilo zu wiegen, sagt eine allererste Suche bei Google. Stative allerdings gibt es von ganz leicht (Alu, aber ich weiß nicht, wie schwer „leicht“ ist) bis richtig schwer (Holz oder Metall), und auch da ist die Bauweise unterschiedlich.
        Wenn du jemals mit einem Stativ (für eine Spiegelreflex z. B.) durch die Pampa gelatscht sein solltest, solltest du einen gesunden Respekt gewonnen haben, was es bedeutet, mit so einem Ding zu rennen. Mir jedenfalls geht/ging es so, daher der Einwand.

        Gefällt 1 Person

  2. Perfekt trigonometrisch aufgebaut, deine Etüde. Es wirkt, als wäre hier ein nur auf sich und sein Tun konzentrierter, einzelgängerischer Idealist, der auf den Gegenpol seines eigenen Denkens gestossen, das beigestellte Bild liefert hypothetisch Zwielichtiges als Handlungsbasis für das Aufeinandertreffen – da sind sie, die Katheten und die Hypothenuse. ^^

    Gefällt 2 Personen

  3. Protest mit Steinen führt sicherlich nicht zu einem guten Ende! Aber hier spiegelt sich, was wir im Verkehr erleben, was wir gegenüber Andersfarbigen und Andersdenkenden aufkochen sehen und was auch z.T, die Schulhöfe beherrscht: Gewalt und Rücksichtslosigkeit durch verhärtete Positionen und oftmals die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen.
    Ein aktuelles Thema. Und jetzt hat es auch noch meinen Landvermesser erwischt!!!

    Gefällt 2 Personen

    1. Auch Landvermesser sind nicht davor gefeit, die Spuren einer Akzeptanzlosen Gesellschaft zu spüren. Schade, dass wir andere Meinungen nicht nur nicht mehr akzeptieren sondern sie inzwischen vehement bekämpfen,
      Danke!!!
      😊🙏☀️

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.20 | Wortspende von Mutiger leben | Irgendwas ist immer

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