#writingfriday., Familientreffen

Dies ist ein Text zu der Aktion „Writing Friday“ von Elizzy. Jeden Freitag wird zu einem der vorgegebenen Themen veröffentlicht. Die aktuellen Themen und eine Liste aller Teilnehmer findet ihr auf Elizzy’s Seite.

[#WritingFriday] Oktober 2020 die Schreibaufgaben

Aufgabe: Graf Dracula kriegt Besuch von Frankenstein, berichte davon. Welche Pläne schmieden sie? Worüber diskutieren sie?


Familientreffen

An einem Abend in Siebenbürgen.

„Guten Abend, alter Freund. Tritt ein.“

„Nabend“, sagte er grimmig und ging an ihm vorbei.

„Warum so betrübt? Nur wegen der Verspätung?“

„Der blöde Zug hätte eigentlich 6.46 Uhr ankommen sollen. Der Zug hatte aber eine Stunde Verspätung.“ *1

„Ach eine Stunde ist doch für uns nicht der Rede wert. Oder hast Du etwa Angst, ein paar Minuten deiner Unsterblichkeit verschwendet zu haben?“

„Du hast ja recht. Wenn es etwas gibt, von dem wir mehr als genug haben, dann ist es wohl Zeit.“

„Setz Dich alter Freund.“

Vorsichtig und sehr langsam, geradezu mühevoll, versuchte er, sich in den Sessel zu setzen.

„Na, das sah aber auch schon mal dynamischer aus.“

„Ach hör auf. Ich weiß ja nicht, wo er das linke Bein hergenommen hat, aber die Arthrose darin lässt es mich kaum noch vernünftig bewegen. Und die Hüfte ist noch schlimmer. Er muss damals jemanden mit Rheuma ausgewählt haben. Ich kann mich kaum hinsetzen, geschweige denn wieder aufstehen. Du hingegen siehst mal wieder aus wie das blühende Leben.“

„Ich bin nicht sicher, ob das ein passendes Kompliment für einen Untoten ist“, sagte er lachend. „Aber auch ich habe meine Probleme. Seit 138 Jahren habe ich Zahnschmerzen in meinem linken oberen Reißzahn. Aber was soll ich machen? Zu einem sterblichen Zahnarzt gehen?“

„Der würde ja von alleine tot umfallen.“ Er lachte rau und laut.

„Hinzu kommt, dass ich inzwischen gegen die Blutgruppe Null allergisch bin. Aber ich kann ja vorher schlecht nach der Blutgruppe fragen“, er schüttelte den Kopf. „Also alter Freund, was führt Dich zu mir?“

„Es mag Dich erfreuen zu hören, dass die ersten Schritte jenes Unterfangens, welche Du mit so unheilvollen Vorgefühlen betrachtet, sich bisher unter einem günstigen Stern vollzogen haben.“ *2

„Ja ist es denn möglich? Berichte er mir!“

„Ich“, sagte er sehr langsam und betont, (…) als er mit einem Lächeln auf den Lippen, schweigend hinüberging (…) *3 habe alle meine Aktien der deutschen Automobilfirmen verkauft. Alle!“

„Meinst Du nicht, dass das etwas übertrieben war? Immerhin fangen sie jetzt auch an Elektroautos zu bauen.“

„Glaub mir, das wird nichts. Mit Strom kenne ich mich aus“, sagt er und kratzte seine dicke, wulstige Narbe am Hals.

Und so diskutierten sie noch stundenlang über Geldanlagen und Dividenden.

Erst weit nach Mitternacht verabschiedete er sich und alsbald ward er von den dunklen Wogen hinweggetragen und verschluckt von Dunkel und Ferne. *4


*1 Vgl. den Anfang von Bram Stokers „Dracula“

*2 Vgl. erster Satz aus Mary W. Shelly: „Frankenstein“

*3 Vgl. letzter Satz von Bram Stokers „Dracula“

*4 Vgl. letzter Satz von Mary W. Shelly: „Frankenstein“

17 Gedanken zu “#writingfriday., Familientreffen

    1. Ich glaube Dracula hat einen großen kingsize Sarg der ausgerüstet ist wie ein Boxspringbett. Aber Frankenstein? Vielleicht ist er ja immer noch unglücklich verliebt und lebt deswegen sehr spartanisch und zurückgezogen. 😊

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