Veröffentlicht in Geschichte, Erzählung, Kreatives Schreiben

#abc-Etüden, Auf Leben und Tod

Dies ist ein Text zu den abc-Etüden

Schreibeinladung für die Textwochen 39.40.20 | Wortspende von kommunikatz

Ein Text – maximal 300 Wörter – und 3 Begriffe

Dieses Mal: Pilze – schlafen – traurig

Zu den abc-Etüden geht es hier:

https://365tageasatzaday.wordpress.com/2020/09/20/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-39-40-20-wortspende-von-kommunikatz/


Vorsichtig nahm sie den Behälter in die Hand. Heute würde sich zeigen, ob sie alles richtig gemacht hatte. Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie viele Anleitungen, Hinweise und Beschreibungen sie gelesen hatte, bis sie sich endlich zu diesem Schritt durchgerungen hatte. Sie war hin und hergerissen gewesen und war es im Grunde immer noch. Viele der Hinweise und Tipps hatten sich völlig widersprochen und sie eher noch unsicherer gemacht. Doch dann hatte sie sich ein Herz gefasst.

Sie öffnete den Deckel und sah hinein. Sie wusste nicht so recht, was sie erwartet hatte, aber der Anblick war unspektakulär, fast sogar ein wenig traurig, so dass eine kleine Welle der Enttäuschung durch ihre Gedanken wogte.

„Was hast du erwartet? Er sieht aus wie er aussehen muss“, sagte sie leise vor sich hin.

Egal dachte sie sich. Sie hatte für Schutz und Nahrung gesorgt und ihn viel schlafen lassen. Aber heute würden sie ihn aus dem Schlaf erwecken. Sie musste etwas grinsen, denn vermutlich würde sie ihn im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Schlaf reißen.

Sie griff in den Behälter und holte den größten Teil des Inhalts heraus. Sie hob ihn in die Höhe ihres Gesichts, drehte und wendete ihn hin und her und schaute ihn sich von allen Seiten an. Langsam wuchs so etwas wie Stolz in ihr. Irgendwie hatte sie ja aus dem gefühlten Nichts eine Art von Leben geschaffen. Echtes Leben.

Einen Teil dieses Lebens würde sie heute töten. Der Gedanke hinterließ einen kleinen Nachgeschmack. Fast so wie eine Prise Mehl, die aufgewirbelt wurde und sich dann kaum sichtbar auf alles um sie herum legte. Aber sie war fest entschlossen. Entschlossen zu töten, aber auch entschlossen einen Teil zu retten, zu bewahren, ihm weiterhin einen sicheren Lebensraum zu bieten.

Sie hielt das Leben in ihren Händen. Sanft begann sie ihre Hand zuzudrücken. Sie spürte den leichten Widerstand, aber auch dass ihre Hand stark genug sein würde.

Sie formte das Leben. Das klang ihr selbst fast ein wenig zu pathetisch und doch tat sie es mit einem gewissen Stolz und auch einer gehörigen Portion Respekt.

Nun griff sie mit beiden Händen zu. Ihre Finger gruben sich in ihn hinein und glätteten ihn wieder. Sie spürte dabei eine fast sinnliche Lust. Schließlich legte sie ihn in eine Form, um den Vorgang zu beenden.

Ein wenig außer Atem betrachtete sie ihr Werk.

Dann schob sie das Brot in den Ofen und verschloss das Glas mit dem Rest Sauerteig, damit die Hefe-Pilze darin in Ruhe weiterwachsen konnten, für den nächsten Brotteig.

18 Kommentare zu „#abc-Etüden, Auf Leben und Tod

  1. Das Mehl war ein sehr offensichtlicher Hinweis, hatte es aber recht schnell vermutet und weiß nicht warum. Vllt weil ich das Gefühl kenne. Ich bin Profi im Sauerteig herstellen, aber nur weil ich ihn jeden Monat zuverlässig töte. 😅 Tolle Etüde.

    Gefällt 1 Person

    1. Mist! Erwischt. Dabei habe ich gedacht, ich komme damit durch. Aber ich wusste nicht, dass hier solche Profis unterwegs sind. 😊 Aber gut zu wissen. Wenn meiner mal vorzeitig das Zeitliche segnet, hole ich mir mal ein paar Tipps.
      Vielen Dank. 🙏😊

      Gefällt 1 Person

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