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Der Sahnewolkenvulkan

Sie betrat die Halle durch die festgestellte Drehtür in der riesigen Glaswand. Sie war froh, dass die Drehtür festgestellt war, denn bei sich drehenden Türen hatte sie immer Angst, sie könnte die Tür zur selben Seite verlassen, wie sie sie betreten hatte. Die Luft innen war merklich kühler. Direkt ihr gegenüber führten die Treppen und Rolltreppen auf die anderen Etagen, doch sie hatte noch so viel Zeit, dass sie beschloss nach links abzubiegen. Vorbei an Currywürsten, Pizzastücken und Wraps, sowie dem eher deprimierenden Eingang zu den Toiletten, an dem mal wieder eine Schlange von Frauen anstand. Sie schüttelte leicht den Kopf, als ihr die Diskussion über gesundes Essen, die sie gestern mit Kolleginnen in der eher für ihr ungesundes Essen bekannten Kantine geführt hatte, wieder in den Sinn kam. Immerhin, so hatte sie gesehen, gab es die Currywurst auch in einer Biovariante. Wobei sie daran zweifelte, ob diese damit wirklich gesünder wäre.

Ein leichter Duft von Lavendel umspielte ihre Nase, bevor sie den Zigarrenladen passierte und ins Cafè einbog. Sie atmete auf. Das Café war überraschend leer und es gab keine Schlange am Tresen. Corona ließ grüßen. Eine junge Dame mit einer schrillen Mund-Nasenbedeckung fragte sie etwas, doch leider hatte sie es nicht verstanden. Wieder einmal ärgerte sie sich über diese Masken, die die ohnehin schon so schwierige Kommunikation oft noch viel schwieriger machten. Sie bestellte einen Kaffee Crème und bat darum, einen kleinen Extraschuss Sahne zu bekommen.

Gedankenverloren drehte sie den Kopf und sah den Menschen zu, wie sie die große Halle betraten. Einige mit schnellen zielstrebigen Schritten, manche mit großem ehrfürchtigem Erstaunen und andere mit einer spürbaren Unsicherheit.

Sie nahm ihren Kaffee und setzte sich an einen der kleinen Tische mit Blick auf die Treppen und Rolltreppen. Ohne hinzuschauen, nahm sie den kleinen Löffel und wollte ihn gerade in den Kaffee tauchen, als ihr Blick auf die sich aufbauenden und wild umhertreibenden Sahnewölkchen im Kaffee fiel. Es wirkte wie ein Sturm im Kaffeeglas. Sie beobachtete die Wölkchen und erinnerte sich, an einen Tag im letzten Herbst, als sie an der Ostsee in eine Decke gekuschelt am Strand in einem der wenigen Strandkörbe saß und beobachtete, wie die Seeluft die Wolken vom Wasser auf das Land trieb. Nun trieben diese Wölkchen in ihrem Kaffee. Nur dass sie dieses Mal nicht aus Wasser, sondern aus dicker Sahne bestanden. Dieser kleine Schuss Sahne war für sie ihr eigenes kleines Bollwerk gegen den Diätenwahn, dem sie sich sonst nicht wirklich entziehen konnte. Sie hatte es aufgegeben wirkliche Diäten zu versuchen. Diese angeblichen Blaupausen für ein besseres, gesünderes und vor allem schlankeres Leben, waren nichts als Augenwischerei. Was immer sie an Gewicht sich abgerungen hatte, war letztlich wieder zu ihr zurückgekehrt, wie ein treuer Hund. Und dennoch war die Kontrolle über ihr Essen ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens.

Mit etwas Herzschmerz schaute sie zu den Kuchen- und Gebäckstücken im Glasschrank neben der Theke. Nein, sie konnte dem widerstehen. Sie sprach sich selbst Mut zu und redete innerlich beruhigend auf sich ein. Sie hatte sich nie mit ihrer Figur arrangieren können. Sie war nicht zu dick, aber auch nicht schlank. Aus ihrer Sicht hatte sie immer mindestens fünf Kilo zu viel auf der Waage. Es hatte nie abfällige Bemerkungen über ihre Figur gegeben. Dennoch hatte sie genau solche Kommentare immer in ihrem Ohr. Ihre kleine Frau im Ohr kam ihr manchmal vor wie eine Ohrenkneiferin, die ihr nach jedem kleinen Ausrutscher, wie einem Stück Torte oder einer Tafel Schokolade, ins Gewissen zwickte und ihr ins Ohr säuselte, dass sie wieder nicht aufgepasst habe. Ihre kleine Frau im Ohr kannte keine Gnade. Hier gab es keine leisen Zwischentöne sondern nur ein flirrendes Oszillieren zwischen „gerade so ok“ oder „zu dick“. Wieder erinnerte sie sich an den letzten Herbst. Irgendwie war es ihr gelungen, dort die kleine Dame im Ohr auszublenden und sie hatte sich jeden Nachmittag ein herrliches Stück Torte gegönnt. Nun hatte sie schon fast ein schlechtes Gewissen bei ihrem Kaffee, dessen letzten Schluck sie gerade schuldbewusst trank. Es war Zeit aufzubrechen.

Sie verließ das Café und ging die breite Treppe hinunter. Auf der rechten Seite, so wie es ihr die Corona-Markierungen in Form von roten Fußstapfen anzeigten, damit man sich ja nicht auf der Treppe begegnen konnte. Ihr Anblick stieß sich an den Treppen und Rolltreppen, die wie Mikadostäbchen die Halle zu durchstoßen schienen. Es kam ihr so vor, als könnte man hier tagelang umherlaufen, ohne jemals ein und die selbe Treppenstufe ein zweites Mal benutzen zu müssen.

Sie betrat den Bahnsteig. Auf Gleis 5 war ihr Zug nach Rathenow angekündigt. Auf Gleis 6 würde gleich der Zug nach Stralsund einfahren. Ihr Blick verfing sich im Wort Stralsund, als wären dort wie in einem Bilderrätsel, Dinge wie Strandkorb, Sahnewölkchen oder Marzipantorte versteckt.

Die zwei Züge fuhren zeitgleich ein. Rathenow oder Stralsund? Sie hatte nicht wirklich die Wahl. Ihr nächster Urlaub war erst in zwei Monaten und morgen früh um acht Uhr würde ihr neuer Arbeitstag beginnen. Zuhause wartete nur eine unaufgeräumte Wohnung auf sie. Sie drehte sich zwischen den beiden Zügen hin und her. Für einen Moment erschien es ihr, als hätte sie die Wahl. Die Wahl zwischen einem Leben am Fuße des Vulkans oder einem Tanz auf dem Vulkan.

„Einsteigen bitte“, schalte es über den Bahnsteig. Fast zeitgleich erscholl die Pfeife der beiden Lokführer. Die beiden Züge rollten hinaus in den Abend und ließen einen leeren Bahnsteig zurück.

Der Text entstand nach einer Schreibanregung aus: 7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2020

12 Kommentare zu „Der Sahnewolkenvulkan

  1. Prima! Warte mal … ist deine Protagonistin am Berliner Hauptbahnhof? Weil … Hamburg kann es nicht sein, trotz Bild (sag nicht, so was gibt es woanders auch – herzlichen Dank jedenfalls), ich glaube nicht, dass man von HH ohne Umsteigen nach Rathenow kommt, und sie wirkt ja, als käme sie gestresst von der Arbeit.
    Schön, dass du „nicht widerstehen“ konntest, und danke fürs Folgen! 😀
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Hallo, ja es ist der Berliner Hauptbahnhof. Und zwar wenn man von der Seite des Bundeskanzleramtes hineingeht. Die Fontäne ist aber aus Hamburg. Ich bin beeindruckt. So eine Fontäne hatte ich bisher nur in Barcelona gesehen: die Fontana Magica.
      Liebe Grüße
      Christian

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      1. Japp, danke, da war ich gedanklich sogar am richtigen Ende 😉
        Klar ist die Fontäne in Hamburg, das ist Planten un Blomen, die Spätvorstellung mit Licht und Ton … schließlich bin ich von da 😉
        Grüße in deinen Abend
        Christiane 😀

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  2. Dann habe ich das also auch richtig mit Berlin erkannt. 🙂 Ein sehr spannender Blick und viele Assoziationen. Die mit den Mikadostäbchen finde ich besonders bildlich.

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      1. Es sei denn du schreibst eine Fortsetzungsetüde. Man darf auch mehrmals.

        Meine Eütde hatte ich im Britzer Garten verortet. Da war das Ende mehr licht als offen 🙂

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